Posts Tagged ‘Schulastronomie’

Amateurastronomie & Schule: kein leichter Weg

23. November 2010

Amateurastronomie und Amateurastronomen könnten eine Menge Nützliches zum Schulunterricht beitragen, auch in jenem Großteil der Bundesländer, wo es keinen formellen Astro-Unterricht gibt, und viele Sternfreunde und Volkssternwarten wären auch zur Zusammenarbeit bereit – aber die beiden Welten zusammen zu führen, bleibt eine große Herausforderung. Das war praktisch unisono das Fazit eines ersten Workshops „Amateurastronomie und Schule“ am 20. November im MPI für Astronomie in Heidelberg (Panorama oben), ein Eindruck, den auch die Veranstalterin und Teilnehmer mitgenommen haben (hier noch mehr Wortmeldungen). Es wurde aber auch klar, dass eine Menge Ideen und auch konkrete Angebote längst existieren aber nicht immer leicht zu finden sind – und so mancher Lehrer, der vielleicht für eine astronomische Bereicherung des Unterrichts oder eine Projektwoche zu begeistern wäre, hat noch nie davon gehört.

Um die „zwei Welten“ zusammen zu bringen, auch das war praktisch Konsens auf dem 8-1/2-stündigen Meeting, sollte möglichst eine zentrale Webseite geschaffen werden, die jeder kennt und die übersichtlich und gezielt alle vorhandenen Informationen bündelt – wer die allerdings erstellen und dann auch kontinuierlich pflegen sollte, das bleibt zu ergründen. Das direkt neben dem MPIA entstehende Haus der Astronomie (auch bei Facebook; Mitte: Besuch auf der Baustelle mit Blick auf die zentrale Planetariumskugel, unten: das teilweise auch schon für Schulprojekte benutzte 70-cm-Teleskop im Elsässer-Labor des MPIA direkt daneben) böte sich zwar prinzipiell an, kann aber die entsprechende Manpower noch nicht versprechen. Allein die auf dem Heidelberger Meeting vorgestellten Projekte zeigen aber schon mal die Vielfalt des Angebots – weshalb hier einfach mal alle genannten Webseiten verlinkt sein sollen. Wer nichts präsentiert hat, hat eben Pech gehabt …

  • Das Projekt Wissenschaft in die Schulen! bietet zu aktuellen Artikeln aus Zeitschriften des Spektrum-Verlages didaktisch Aufbereitetes, auch – via SuW – zur Astronomie.

  • Die Deutsche Gesellschaft für Schulastronomie hat bereits den Anspruch, einmal „die Adresse für schulische Astronomie“ zu sein, scheint aber noch eher Hessen-orientiert zu sein (wo die Weltraumtage aber schon gut etabliert sind).

  • Das bekannte – und aus reiner Privatinitiative entstandene – Webportal Astronomie.de hat neben den populären Foren auch eine Menge redaktionell erarbeiteten Content zu bieten, der auch für Didaktiker interessant ist. Neu ist z.B. ein Online-Planetarium, und es gibt bereits allerlei Links für schulisch Interessierte.

  • Beim anderen großen Forensystem Astrotreff.de existiert sogar schon moderiertes Forum für Lehrer, die hier „geprüfte“ Antworten auf Astro-Fragen erhalten. (Und das man erstmal finden muss: ein idealer Kandidat für einen Link auf der angestrebten Meta-Astro-Seite!)

  • Der speziell auf aktive Astronomen ausgerichtete Oculum-Verlag hat eine Reihe von Büchern und Hilfsmitteln im Angebot, die für den Unterricht interessant sein sollten, z.B. eine neu entwickelte drehbare Sternkarte.

  • Die Astronomieschule O. Debus bietet „ein breit gefächertes Angebot an Vorträgen, Kursen, Seminare zu astronomischen, naturwissenschaftlichen und technischen Themen“.

  • Die private Sternwarte am Wallgarten in Gifhorn wird ab dem 1. Quartal 2011 öffentlich zugänglich sein und eine Menge zu bieten haben – eine außergewöhnliche Initiative eines Einzelnen, wie auch der geplante Bau einer Volkssternwarte in Meckesheim 20 km von Heidelberg entfernt.

An konkreten didaktischen Ideen wurde auch etwas geboten: W. Müller-Schauenburg führte rasant eine ganze Reihe von trickreichen aber simplen Visualisierungen quer durch den Kosmos vor, H.-B. Eggenstein warb für die Beobachtung hellerer veränderlicher Sterne als Schulprojekt (man nehme eine DSLR-Kamera auf einem Stativ und kostenlose Fotometriesoftware), und H. Steinmüller von der Allgäuer VSW Ottobeuren beschrieb die vornehmste Aufgabe der Volkssternwarten im Land als die „Sehnsucht nach den Sternen wecken“. Auf der Abschlussdiskussion wurde – neben der eingangs genannten Forderung nach einem zentralen und weithin bekannten Anlaufpunkt im Web (Insellösungen bringen nichts) – betont, dass der „Erstkontakt“ am schwierigsten ist und sich die Lehrer nach aufbereitetem Material sehnen (und in chaotischen Internetforen trotz der großen Informationsfülle nicht wohlfühlen).

Die Amateurseite würde sich wiederum Anleitungen zur Didaktik wünschen – und hier kommt wieder das Haus der Astronomie ins Spiel, das dazu tatsächlich Wochenend-„Crashkurse“ anbieten will. Eine andere Hürde sind kollidierende Terminvorstellungen: Nur hauptberufliche Volksastronomen wie G. Meiser und seine mobile Sternwarte können in der Regel am Vormittag auftreten. Und das ganz große Problem im Hintergrund – wie kommt die Astronomie in den Großteil der Schulen, wo sich im Lehrkörper (noch) keiner dafür interessiert? – konnte der Heidelberger Workshop nicht einmal anreissen. Oder auf der anderen Seite das viel beklagte Nachwuchsproblem der Amateurastronomie in Deutschland im 21. Jahrhundert, das durch ein erfolgreiches Hineingehen in die Schulen bekämpft werden könnte. Der informative Workshop wird sicher hier und/oder anderenorts Nachfolger finden – und dann eines Tages in ganz konkrete Lösungen münden.

Kosmische Kuriosa kompakt

15. November 2009

ESA bestellt Mondorbiter – Studenten machen den Rest

Das Education Office der europäischen Weltraumbehörde hat für einen nicht genannten Betrag bei dem britischen Kleinsatellitenhersteller Surrey Satellite Technology Ltd. einen Mondorbiter bestellt: Viel kann er eigentlich nicht kosten, denn den Großteil der Arbeit sollen Studenten erledigen. In eine Mondumlaufbahn soll der European Student Moon Orbiter 2013 oder 2014 gebracht werden. (Homepages bei ESA und Warwick, Wikipedia, ESA, SSTL Press Releases 6.11.2009)

Die großen offenen Fragen der Physik

wurden im Oktober im Rahmen eines großen Festivals am umstrittenen Perimeter Institute in Kanada erörtert, das mit dem Geld des BlackBerry-Erfinders bahnbrechende Forschung leisten soll – natürlich war viel Kosmologisches („Why this Universe“ und dergleichen) unter den Themen. (New Scientist 23.10.2009. S.a. Nature 461 [23.9.2009] 462-5 zum Perimeter Inst. Und die 10 weirdest physics facts)

Der Pressesprecher der American Astronomical Society geht in den Ruhestand – Steve Maran hat nach 25 Jahren Beobachtung der Szene (und Steuerung des Informationsflusses, v.a. während der beiden Jahrestagungen der AAS) eine Menge zu erzählen. (Science News, The SpaceWriter 7.11.2009)

Das Feuer auf dem Mt. Wilson ist immer noch nicht aus

Zwar hat die Feuerwehr das ‚Station Fire‘, das im Sommer die Sternwarte auf dem Mount Wilson bedrohte, bereits vor mehreren Wochen als „contained“ eingestuft, aber hier und da qualmt es immer noch – und wo Rauch ist, da … So wird man bis in den Winter hinein, wenn starker Regen die letzten Nester erstickt, wachsam sein müssen. Und zugleich wird jetzt gesammelt, um die Sternwarte besser schützen zu können. (LA Times 12., 10., Tracker 12.11.2009. Auch ein Audio-Interview kurz nach dem Feuer) NACHTRAG: Die Suche nach dem Brandstifter ist auch noch nicht weiter gekommen.

Neue Sternwarten in Indonesien geplant – mit kurioser Begründung: An besseren Standorten als dem traditionsreichen Bosscha Obs. auf Java, das zu nahe an der Großstadt Bandung liegt, sollen sie (so wird es jedenfalls gegenüber der dominant muslimischen Bevölkerung dargestellt) vor allem für Sichtungen der jungen Mondsichel sorgen. Damit die auch dann gesehen wird, wenn es theoretisch möglich sein müsste, auf dass es eindeutige Monatsanfänge gibt. (Jakarta Globe 6.11.2009)

Plötzlicher Durchblick für Radioastronomen nach Abschaltung von Analog-TV

Auch in den USA ist die analoge Ausstrahlung von Fernsehsignalen seit Juni Geschichte – und dadurch ist plötzlich ein Bereich des elektromagnetischen Spektrums frei, der vorher völlig unbrauchbar war. Bis sich dort binnen eines Jahres neue Nutzer breit machen, wird jetzt zwischen 700 und 800 MHz energisch beobachtet, z.B. nach exotischen Pulsaren gesucht. Unabhängig davon gibt es die Forderung, bei der Spektrumsvergabe wissenschaftlichen Belangen mehr Wert beizumessen – was übrigesn die Erdbeobachtung aus dem Orbit genau so betrifft wie die Astronomie. (New Scientist 5., Scientific American, Ars Technica 2.11.2009)

Int’l Dark Sky Association ehrt deutsche Initiativen – der Europe Galileo Award und der Outdoor Lighting Award der internationalen Organisation wider die Lichtverschmutzung sind dieses Jahr beide nach Deutschland gegangen: an Andreas Hänel von der VdS-Fachgruppe Dark Sky und eine Firma, die Straßenlampen nur auf einen Anruf hin einschaltet. (IDA Press Release 4.10., KosmoLogs 6., NOZ 14.11.2009)

Umstrittener Offener Brief fordert Astronomie als Schulfach im ganzen Land

Die zentrale Forderung klingt zwar harmlos, „bundesweit zwei Jahreswochenstunden Astronomie im letzten Schuljahr der Mittelstufe für alle Schüler“ plus ausreichende Ausbildung von Astronomielehrern, aber Kenner der Schulbürokratie v.a. in den Alten Ländern halten sie für völlig utopisch und sogar kontraproduktiv: Deswegen haben die Astronomische Gesellschaft und der Rat Deutscher Sternwarten dem Offenen Brief einer Initiative aus Sachsen explizit die Unterschrift verweigert und setzen sich auf subtilere Weise für die Durchdringung des Unterrichts mit astronomischen Grundinhalten ein. Eine breite Diskussion hat der Offene Brief gleichwohl ausgelöst. (Offener Brief 12.11., Interview mit dem Autor, AG/RdS-Statement 10.1., Diskussion bei BdW, ZDF, SZ, TP, EK, UU, AF, AT, AG und LE sowie Frankfurter Rundschau 5.11.2009 zur Lage in Deutschland) NACHTRAG: plötzlich noch eine – negative – Reaktion auf den Brief.

Hybride Planetarien sind die besten, bei denen ein optomechanischer Projektor für nadelscharfe Sterne sorgt und ein Fulldome-Videosystem für jede Menge Effekte dazwischen (so gewünscht): Da sind sich viele in der Szene einig, und in Bochum wird es z.B. genau so gemacht (siehe ISAN 82-8). In Prag hat man dagegen vor, im Rahmen einer Modernisierung den Sternenprojektor zum Museumsstück zu machen … (The Prague Post 21., Sky & Telescope 22.10., WAZ 15.11.2009)

„Pro-Am“-Beziehungen das Thema der 28. Bochumer Herbsttagung

7. November 2009

Eigentlich sind es „Semi-Profis“ und keine ‚Amateure‘ im üblichen etwas abwertenden Wortsinne: Auf der 28. BoHeTa der Amateur-Astronomen wurde heute nicht nur dieser Begriff in die Runde geworfen und auch aufgegriffen. Mehrere Beiträge zeigten auf, wie unbezahlte (das ist das eigentliche Merkmal) Astronomen mit Profis zusammenarbeiten und auch erstaunlich leicht Zugriff auf deren Teleskope bekommen können – jedenfalls die etwas unbedeutenderen, die aber noch von professionellen Sternwarten betrieben werden:

ruder

„Amateure und Profis – Spaß an gemeinsamen Projekten“ war auch der Titel des Hauptvortrags von Hanns Ruder, der u.a. ein 60-cm-Teleskop auf dem Obs. de Haute Provence jedermann (!) für nützliche Projekte zur Verfügung stellen will, mit einem anderen 60-cm-Teleskop auf Kreta VLT-vergleichbare Bilder (bei identischem Seeing) macht und mit einer Variante der Speckle-Interferometrie superscharfe Bilder großer Felder jenseits des isoplanatischen Feldes rekonstruiert wie hier von Triesnecker & Umgebung (wer braucht nach noch Apollo 10?) oder auch dem Alpen-Tal.

preis

Ruders Vortrag war übrigens der erste „Reiff-Vortrag“ auf einer BoHeTa: eine von zwei Leistungen der neuen Reiff-Stiftung für Amateurastronomie, die das Vermächtnis des (zu Lebzeiten wenig bekannten und 2007 verstorbenen) Ernst Reiff ist: Amateur- und Schulastronomie soll gefördert und speziell diese Tagung unterstützt werden, wobei Signalwirkung und nachhaltiger Nutzen für viele im Mittelpunkt stehen möge. In diesem Sinne wurde auf der BoHeTa auch der erste Reiff-Preis vergeben: an die Astro-AG des Gymnasiums Antonianum Vechta unter Leitung von Norbert Stahr (2. v.r.). Für das Preisgeld von EUR 3000 werden ein Spektrograph angeschafft und eine Vitrine, um die Ergebnisse der Arbeit zu präsentieren. Die nächste BoHeTa wird am 23. Oktober(!) 2010 stattfinden.