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Das neue „Space Launch System“ der NASA ist nun offiziell enthüllt

15. September 2011

und sieht genau so aus wie schon lange durchgesickert war: Die Unterstufe der Riesenrakete – dem Spitznamen ‚Senate Launch System‘ angemessen von zwei Senatoren im Kapitol präsentiert, während der NASA-Chef daneben stand (Screenshot des gestrigen House-eigenen Webcasts) und Detailwissen abstritt – besteht aus dem Shuttle-Haupttank, darunter sitzen fünf Shuttle-Haupttriebwerke (RS-25D/E) und daneben zwei Shuttle-Feststoffbooster. Die Oberstufe benutzt dagegen J-2X-Triebwerke, wie sie für Constellation aus der alten Saturn-Rakete entwickelt wurden. Und oben drauf kommt entweder das Multi-Purpose Crew Vehicle, das aus der Orion-Kapsel ebenfalls aus Constellation-Tagen hervor gegangen ist, oder eine andere schwere Nutzlast für den Erdorbit oder darüber hinaus. Zunächst kann das SLS, dessen erster Testflug unbemannt Ende 2017 stattfinden soll, 70 t (und gemeint sind metrische, nicht ‚kurze‘ angelsächsische Tonnen) und in einer späteren Version 130 t tragen – und soll bis 2017 insgesamt 18 Mrd.$ kosten: 10 Mrd.$ für das SLS selbst, 6 Mrd.$ für das MPCV und 2 Mrd.$ für Infrastruktur am Boden.

Bei der Präsentation und einer folgenden Telecon wurde immer wieder beschworen, wie sparsam man doch sei: Nicht nur werden jede Menge schon fluggetestete Komponenten wieder verwendet, auch hätten z.B. die Unter- und Oberstufe denselben Durchmesser – schon braucht’s nur noch eine Art Maschinen für die Fertigung. Also wieder mal ein ‚Shuttle-Nachfolger‘ in den Startlöchern, wie schon mehrfach in den letzten 25 Jahren: Wird auch er wieder scheitern? Das sei jetzt ein „sustainable and flexible program,“ hieß es auf der Telecon: Da hätten sich nun wirklich alle in NASA und Politik drauf verständigt, und die Kosten seien unabhängig geprüft. Das Jahr 2017 für den Erstflug sei aber doch ein „pretty hard milestone“: Zwar kommen die Shuttle-Triebwerke und -Booster gewissermaßen aus dem Regal, aber sie zu einer neuen Rakete zusammen zu basteln, ist dann doch ein größerer Aufwand, da die Komponenten „in a novel way“ eingesetzt werden.

Insbesondere dem ehemaligen Außen- und nun zentralen Tank ergeht es nun deutlich anders: die größte Unwägbarkeit bei der Entwicklung der Unterstufe. Der Erstflug wird – trotz größerer Sicherheit als beim Shuttle: Die Astronauten könnten einer versagenden Rakete entfliehen – auf jeden Fall unbemannt erfolgen, „damit wir sicher sind, dass wir nichts vergessen haben,“ wie es auf der Telecon entwaffnend hieß. Rund 3 Mrd.$ pro Jahr sind für die Entwicklung veranschlagt: Das erfordert keine zusätzlichen Mittel und wird sich im Etatplan für das FY 2013 im Februar 2012 konkret niederschlagen. Ob sich die USA dann allerdings auch noch tolle Missionen leisten können, die mit dem SLS starten werden, das die NASA selbst so schnell gar nicht haben wollte, steht – buchstäblich – auf einem anderen Blatt … Grundlegendes, Live-Notizen von Präsentation und Telecon, ein paar bunte Bilder von der Rakete und dem Event und Artikel von NASA Spaceflight (Vorsicht: Detailflut!), Space News, Spaceflight Now, Space Politics, Scientific American Blog, Science Journalism Tracker und Space Today – mehr im grünen Kasten vom CM #344

Pläne und Kosten des Space Launch System „geleakt“: Wohin die Reise der NASA gehen soll

10. August 2011

mit der zuweilen als „Senate Launch System“ verspotteten Riesenrakete, deren überstürzte Entwicklung der US-Kongress einer renitenten Raumfahrtbehörde auf zu zwingen versucht und die bemannte Missionen jenseits des Low Earth Orbit ermöglichen soll, wird allmählich klarer, nachdem interne NASA-Dokumente aufgetaucht sind. Danach soll es den ersten unbemannten Testflug des SLS im Dezember 2017 um den Mond herum geben, gefolgt vom ersten bemannten – mit einer Apollo-8-artigen Umrundung des Mondes – im August 2021. Und bis zu diesem Zeitpunkt werden 29 bis 38 Milliarden Dollar ausgegeben worden sein, 17-22 Mrd.$ bis zum Test 2017 und weitere 12-16 Mrd.$ bis zum Mondflug 2021: Das jedenfalls sagen – pessimistische – NASA-eigene Zahlen voraus. Eine unabhängige Prüfung läuft noch bis Mitte August und soll auch der Grund für das bisherige eiserne Schweigen der NASA-Spitze zum ganzen Komplex sein. Immerhin hat der Chef öffentlich mitgeteilt, dass das grundlegende Konzept für das SLS ausgewählt sei. Und das ist dem Vernehmen nach im Wesentlichen die alte Ares V, d.h. ein massives Recycling von Bauteilen des Space Shuttle – den Wählern der Abgeordneten in den Wahlkreisen mit den einstigen Shuttle-Zulieferern zuliebe.

Die Haupttriebwerke, den Außentank und die Feststoff-Booster des Shuttle: Sie alle sollen wir wieder auf der Rampe sehen. Ungefähr einen Start der Luxusrakete pro Jahr sieht der Plan vor, wobei die Nr. 6 tatsächlich im August 2025 bemannt zu einem Asteroiden („Bemannter Asteroiden…“) fliegen würde. Aber das wäre noch nicht die endgültige Version des SLS: Die käme erst mit dem 13. Start im August 2032 zum Einsatz, mit einer Nutzlastkapazität von mindestens 130 Tonnen. Dieses laaanggezogene Szenario basiert bereits auf der Erwartung, dass es finanziell immer knapp bleiben wird. Das bedeutet aber auch, dass die zunächst schockierenden 29-38 Mio.$ für gerade mal zwei Starts über so viele Jahre verteilen, dass die jährlichen Ausgaben unter denen während des Shuttle-Programms bzw. des Aufbaus der ISS – oben am 19. Juli von der abgedockten Atlantis aus mit Mond & Erde gesehen – bleiben. Trotzdem fragt man sich, warum ein System, das auf lauter bekannter – und vielfach fluggetesteter! – Technologie basiert, derart teuer kommen soll. (NASA Spaceflight 27.7., Orlando Sentinel, Space Policy 5.8.2011)

Die ESA würde gerne in das neue US-Raumfahrtprogramm einsteigen und insbesondere Erfahrungen mit den ATV-Transportschiffen in die Entwicklung künftiger Raumschiffe für Reisen jenseits des LEO einbringen, die dann mit dem SLS starten sollen. Das hat weniger einen visionären als einen ökonomischen Grund: Mit dem Bau und Start von 5 ATVs bis 2014 leistet die ESA per Tauschgeschäft ihren Beitrag zu den Betriebskosten der ISS bis 2017, aber die soll ja nun bis 2020 im Orbit bleiben. Der Bau weiterer ATVs ist nicht so attraktiv wie Weiterentwicklungen, die in das Multi-Purpose Crew Vehicle der NASA einfließen könnten. Um den ISS-Anteil von 2017 bis 2020 zu „bezahlen“, wären MPCV-Beiträge in Höhe von 450 Mio. Euro erforderlich, die im Prinzip von den ESA-Mitgliedsstaaten bereits im März frei gegeben wurden. Und die ESA dringt auch auf eine bessere internationale Koordination der bemannten Post-ISS-Welt: Es sei geradezu „Anarchie“, schimpfte jüngst der ESA-Chef, dass für die ISS mehr unbemannte Transportschiffe als überhaupt benötigt entwickelt wurden, während sich niemand um bemannte Systeme kümmerte. (Spaceflight Now 26.7.2011)

Boeing will Astronauten mit der Atlas V zur ISS bringen

Diese Rakete hat bei allen ihrer 27 Starts – zuletzt mit dem Jupiterorbiter Juno – tadellos funktioniert und ist von einem man-rating nicht mehr weit entfernt: Daher hat sich Boeing entschieden, seine geplante siebensitzige Raumkapsel CST-100 mit ihr zur ISS zu bringen. Wenn die NASA mitzieht und das Projekt weiter fördert, versteht sich, mit jährlich 850 Mio.$: Dann sei bereits im vierten Quartal 2015 der erste bemannte Flug – mit zwei Boeing-eigenen Piloten – möglich, nach drei Teststarts und einem Bodentest des Startabbruch-Systems ohne Rakete. Die CST-100 könnte aber später auch auf andere vergleichbare Raketen gesetzt werden, die freilich ebenfalls erst ein ausgiebiges man-rating über sich ergehen lassen müssten. Bei operationellen Flügen zur ISS würden statt der Boeing-Piloten – die gerade gecastet werden; Astronauten-Erfahrung nicht zwingend erforderlich – NASA-Astronauten das Kommando haben. (Spaceflight Now 4.8.2011. Auch ein ESA Release 27.7.2011 zu Gesprächen über „neue Verwendungen“ der ISS als Technologie-‚Testbed‘ für die Vorbereitung von Missionen jenseits des LEO)