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Wie die Astronomie in Chile das schwere Erdbeben überstanden hat

8. März 2010

Erst 9 Tage nach dem schweren Erdbeben in Chile am 27. Februar kann mit einiger Sicherheit gesagt werden, dass zumindest die in diesem Land besonders stark vertretene Astronomie keine gravierenden Verluste zu beklagen hatte. Da viele Kommunikationswege zunächst unterbrochen waren, dauerte es mitunter Tage, bis der Zustand der großen Sternwarten in der Mitte und im Norden Chiles ins Ausland gemeldet werden konnte, und noch schwieriger war es, das Schicksal der – auch deutschen – Astronomen von der Universität in Concepción (UdeC) zu ergründen. Da halfen auch Bilder aus dem Orbit nichts, und auch soziale Netzwerke wie Twitter lieferten mehr Fragen als (vereinzelte) Antworten.

Erst heute kann dank eines Press Release der Royal Astronomical Society aufgeatmet werden, die u.a. auf Listen in Heidelberg und Florida verweist: Alle Astronomen der UdeC sind wohlauf. Einer hatte sich bereits per Twitter gemeldet, und es hatte – am Ende dieses Artikels – immerhin schon indirekte gute Nachrichten gegeben. Das Universitätsgebäude ist allerdings erheblich beschädigt, wie insbesondere den Bildern in diesem Bericht zu entnehmen ist, wenn auch nicht komplett abgebrannt, wie Gerüchte gelautet hatten (doch bzgl. des chemischen Instituts waren sie leider korrekt) – und wie es deutschen Geodäten in Concepción erging, schildert diese dramatische E-Mail. Über die sonstigen Zustände in Concepción ist schon genug geschrieben worden.

Über das Schicksal der zahlreichen Sternwarten Chiles waren schneller Informationen nach außen gedrungen: Schon nach Tagen stand fest, dass keines der großen Instrumente Schaden genommen hatte. Bei Gemini Süd mussten die Beobachtungen nur 20 Minuten unterbrochen werden, auch auf dem Cerro Tololo und La Silla gab es nur kurze Unterbrechungen – und auf dem Paranal hat der VLT-Beobachter überhaupt nichts mitbekommen und erst nach 12 Stunden von dem Beben gehört! Keine Schäden gab es auch auf der Baustelle von ALMA, und die diversen Amateursternwarten in Chile haben es auch überstanden. Ebenso wie übrigens ein Satellit in Argentinien samt NASA-Instrument. NACHTRAG: Astronomen-Berichte aus Chile vom 8. und 10. März.

Relativ schwacher Tsunami zeigt Wissenslücken auf

Während der Tsunami nach dem Beben an der chilenischen Küste schwere Schäden anrichtete, fiel er im Rest des Pazifiks – wo es die erste ozeanweite Warnung seit Jahrzehnten gegeben hatte – nur schwach aus: Das zeigt (wieder einmal; siehe eine Notiz von einer Tagung Ende 2006!), dass nicht nur die Stärke eines Seebebens sondern eine Fülle anderer Faktoren eine Rolle spielen. Neben der Tiefe des Hypozentrums unter dem Meeresboden und der Höhe der Wassersäule darüber spielen offenbar sogar Resonanzeffekte in Meeresbuchten eine Rolle: Das soll z.B. erklären, warum in Hilo kaum etwas zu sehen war. (CU Boulder Release, Star Bulletin, Universe Today 28.2., Times, Professor Astronomy, New Scientist, SZ 1., AGU Blog, New York Times, AP 2., Science Journalism Tracker 3.3.2010. Und ein Bericht aus 1. Hand aus dem Tsunami-Warnzentrum)

Hat das Erdbeben an der Erdachse gedreht? Ein Press Release des JPL mit der Berechnung, dass die Tage nun 1.3 msec kürzer geworden und die Figurenachse um 8 cm verrutscht seien, wurde prompt allerorten aufgegriffen – aber ausgerechnet die BILD-Zeitung betrieb echten Journalismus und fragte bei deutschen Geophysikern nach, die die Zahlen für falsch halten. Unbestritten sind aber rekordverdächtige Erdverformungen in Chile selbst, um bis zu 3 Meter – und die ganze Erde wurde in langsame Schwingungen versetzt. (JPL Release, Business Week 1., Water Seems Inviting, PM der Bayr. AdW 3., Cosmic Log 5., OSU und SIRGAS Releases 8.3.2010) NACHTRÄGE: mehr zu Beben-Statistik, den chilenischen ErdVerschiebungen – und esoterischem Mißbrauch der aktuellen Erdbeben. NACHTRAG 2: In Sachen Erdachse hofft die NASA auf einen tatsächlichen Nachweis des berechneten Effekts. NACHTRAG 3: eine schnelle italienische Messung zeigt keine Verlagerung der Erdachse wie vom JPL berechnet.