Posts Tagged ‘WFIRST’

Endgültiges Go für ESA-Kosmologiemission Euclid

20. Juni 2012

Bereits letzten Oktober war Euclid als eine der ersten beiden M-Missionen des ESA-Langzeitplans ausgewählt worden, aber erst gestern hat es endgültig grünes Licht für dieses Weltraumobservatorium zur Erforschung der Dunklen Energie mit Hilfe einer tiefen ‚dreidimensionalen‘ Durchmusterung von 2 Milliarden Galaxien gegeben. Der eigentliche Satellit mit seinem 1.2-m-Teleskop wird die ESA rund 600 Mio. Euro kosten: rund 125 Mio. Euro mehr als eigentlich für M-Missionen vorgesehen sind, aber das Projekt erschien so bedeutend, dass dies keine Rolle mehr spielte. Derweil kümmern sich die Mitgliedsländer separat um die beiden Instrumente auf dem Satelliten: die typische Konstellation bei ESA-Projekten. Es handelt sich um eine Kamera für sichtbares Licht und eine Kamera mit Spektrograph für’s Infrarote: Für die letzteren Detektoren sorgt im Rahmen eines Abkommens die NASA, die so als Juniorpartner mit ~5% der Gesamtkosten zu guter Letzt doch noch an Bord gekommen ist (der detaillierte Text dieses MOU steht bereits, unterschrieben ist es aber noch nicht). Gestartet werden soll 2019 – und dann sollen Weak Lensing sowie die räumliche Verteilung der Galaxien verlässliche Auskunft über die ‚dunklen Seiten‘ des Kosmos – Dunkle Materie bzw. Dunkle Energie – geben, die bei der Strukturbildung im Universum entscheidend mitgewirkt haben. Ähnlich liegt auch die Aufgabenstellung der NASA-Vision WFIRST, die aber auch über Ia-Supernovae Dunkel-Energie-Vermessung betreiben soll: Das wäre vielleicht auch wiederum etwas für Euclid in einer Missionsverlängerung.

„Die NASA bekommt zwei neue Hubble Space Telescopes geschenkt!“ Nicht ganz …

15. Juni 2012

Nein, die NASA hat, leider, keine zwei neuen Hubble Space Telescopes von der National Reconnaissance Organization geschenkt bekommen: „nur“ zwei 2.4-Meter-Weltraumteleskope, immerhin weltraumqualifiziert, die seit Jahren in einem Cleanroom in Rochester, New York, sitzen – ohne Satellit dazu, ohne wissenschaftliche Instrumente und ohne Rakete. Und ein Budget, um daraus auch nur ein Orbitalobservatorium zu machen, geschweige denn zwei, hat die NASA leider auch nicht, dafür aber Ideen satt, was man mit dem Geschenk anfangen könnte: das Projekt WFIRST retten und sogar noch zu übertreffen nämlich. Wahrscheinlich handelt es sich bei den beiden Teleskopen um Hinterlassenschaften des Aufklärungssatelliten-Programms FIA („Future Imagery Architecture“), das 2005 abgebrochen worden war, nachdem es Boeing – die den Auftrag überraschenderweise gegen den Platzhirsch LockMart gewonnen hatten – massiv an die Wand gefahren hatte. Mit den Hubble fast baugleichen und besonders geheimnisumwitterten KH-11-Fotosatelliten haben die Optiken (im Gegensatz zu ersten Spekulationen) hingegen offenbar nichts zu tun. Die Fakten, so weit bisher offiziell bekannt:

  • Die beiden Optical Telescope Assemblies haben 2.4 m Durchmesser und sind mit einem Öffnungsverhältnis von 1:1.2 viel „schneller“ als Hubbles OTAs, damit auch viel kürzer – und das nutzbare Bildfeld ist schätzungsweise 100-mal größer.

  • Die OTAs wurden Ende der 1990-er und Anfang der 2000-er Jahre von der Firma hergestellt, bei der sie jetzt eingelagert sind (das passt zu der FIA-Spekulation). Die Bauweise ist besonders leicht, die Technologie derjenigen der HST-Optik überlegen, aber natürlich auch nicht mehr State-of-the-Art. Einige geheimnisvolle Teile wurden vor der Übergabe an die NASA entfernt, trotzdem dürfen keine Fotos veröffentlicht werden. (Dem Vernehmen nach sehen die in Schutzfolie eingepackten Optiken eh nach nichts aus.)

  • Die Aufbewahrung im Cleanroom kostet 75’000 bis 100’000 Dollar im Jahr: Außer dafür – und für moderate Studien, was man mit den OTAs anfangen kann – hat die NASA derzeit keinerlei Budget.

  • Die Optiken wären ziemlich gut für das wegen der JWST-Krise de facto auf Eis liegende aber von der US-Astronomie als Priorität geforderte Infrarot-Weltraumteleskop WFIRST (siehe ISAN 117-5) geeignet: Das wird durch seine – viele Felder überdeckenden – wissenschaftlichen Ziele definiert, nicht die derzeit vorgesehene 1.5-m-Optik (die nach neuster Planung auf 1.1 m schrumpfen sollte).

  • In der gegenwärtigen Budgetsituation könnte ein WFIRST-artiger Satellit mit einer der NRO-OTAs kaum vor 2024 starten, mit einer großen – und sehr unwahrscheinlichen – Finanzspritze rein technisch gesehen aber schon Ende dieses Jahrzehnts.

  • Der Wert der OTAs aus NASA-Sicht liegt bei gut 250 Mio.$, und die – hervorragenden und getesteten – Optiken in der Hand sparen eine Menge Zeit und Entwicklungsrisiko, das bei Weltraumteleskopen v.a. deren optische Systeme betrifft. Der komplette Satellit könnte für 1 Mrd.$ zu machen sein, aber es ist nicht sicher, dass er preiswerter als WFIRST nach jetziger Planung (1.6 Mrd.$) würde. Insbesondere dürfte eine größere Rakete nötig sein, aber da helfen vielleicht die Falcon 9 oder ein Mitflug auf einem SLS bei dessen Testflügen weiter.

  • Was schließlich die wissenschaftlichen Instrumente betrifft, so bliebe eine IR-Kamera mit extrem vielen Pixeln zentral, für eine noch nie da gewesene Himmelsdurchmusterung für zahlreiche Communities; dazu kämen noch 1 bis 3 weitere Instrumente mit kleineren Gesichtsfeldern. Und die zweite NRO-OTA? Die bleibt wohl noch viel länger eingelagert …
Einige wenige NASA-Manager wussten übrigens dem Vernehmen nach schon seit rund 5 Jahren von den übrig gebliebenen NRO-Optiken, machten sich aber wenig Hoffnung darauf. „Aus heiterem Himmel“ kam dann im Januar 2011 der Anruf der NRO, man könne sie jetzt haben – erst im August wurde das Geschenk nach eingehender Prüfung angenommen. Und erst am 4. Juni 2012 wurde das der Welt verraten, nachdem sich auf ein paar eingeweihte Top-Astronomen Gedanken gemacht hatten – ein Fact Sheet (mit wenig weiteren Fakten) wurde sogar erst am 12. Juni durch einen FOIA-Request publik. Präsentationen vom 4. Juni zum Geschenk und seinem möglichen Nutzen; Space.com 14., USA Today, astrobites, Flight Global 12., Tulsa World, The Space Review, Science Journalism Tracker 11., Space News, astrobites 8., Sky & Tel., Wash. Post Blog 7., Nature Blog 6., Wash. Post Blog, Cat Dynamics, Spiegel 5., New York Times, Washington Post, Science Insider, USA Today, The Atlantic, Spaceflight Now, Cosmic Log, Space Policy Online, Ars Technica, Astronomy Blog, Discovery 4.6.2012

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

15. März 2011

Zwei geheimnisvolle Starts (Delta 4, Atlas 5) gelungen – Glory auf Taurus XL verloren

Ohne Probleme gelangten am 12. März ein geheimer Satellit des National Reconnaissance Office – NROL-27 alias Gryphon – auf einer Delta 4 (oben) und am 5. März das zweite Exemplar des mysteriösen Minishuttles X-37B auf einer Atlas 5 (Mitte) in den Orbit, doch der Glory der NASA („Start des Klimasatelliten …“) ging beim erneuten Fehlstart einer Taurus XL am 4. März (unten) verloren. Bereits der letzte Start dieser Rakete vor 2 Jahren hatte einen NASA-Klimaforscher vernichtet (Kurzmeldung unten), als sich – genau wie jetzt wieder – die Nutzlastverkleidung nicht löste und Rakete samt Satellit in antarktische Gewässer stürzten. Der Mechanismus des Verkleidungsabwurfs war daraufhin durch den seither dreimal bewährten der Minotaur-4-Rakete ersetzt worden; dass sich das Versagen nun wiederholte, war ein totaler Schock für die Firma Orbital Sciences, die der NASA sowohl die Rakete wie den Satelliten geliefert hatte: NASA Release 9., Nature 7. Space Today 4.3.2011; viele weitere Links im Cosmic Mirror #341.

Auch diesmal kann wieder nur spekuliert werden, was an Bord des 2. X-37B ist, der ca. 270 Tage im Orbit bleiben soll: Verraten hat die USAF lediglich, dass man diesmal gezielt bei stärkerem Wind landen will, um diese Technik weiter zu testen. Beobachter tippen, dass an Bord Sensor-Technologie für künftige Aufklärungssatelliten getestet werden soll (für Aggressiveres wäre der Shuttle weder groß noch wendig genug); der Verdacht, dass ein Programm ein weitgehend zweckfreier Selbstläufer sei steht aber weiter im Raum. Wann der 1. Shuttle zum 2. Mal starten soll – was erst seine Wiederverwendbarkeit beweisen wird – scheint noch nicht fest zu stehen: Boeing, USAF Releases, Start-Bilder (mehr), Spaceflight Now, Space.com (später), TIME, LA Times, Universe Today, Space Today (früher), Tagesschau, Welt. Zum Start des Gryphon – spektakulär bei Sonnenuntergang; Amateurbilder hier, hier, hier, hier und hier und Videos hier und hier – gab es offiziell nur heiße Luft, man mutmaßt aber, dass es sich um einen leistungsfähigen Kommunikationssatelliten für Aufklärungsdaten handelt: Universe Today, Space Today, Eureka.

Europäischer GPS-Overlay fertig: EGNOS für Flughäfen

Das European Geostationary Navigation Overlay System ist nach 15 Jahren Entwicklung seit dem 2. März zertifiziert und damit reif für die Anwendung im Luftverkehr, der kritischsten aller möglichen Nutzungen von Satellitennavigation: Gut 40 über Europa verteilte ortsfeste Empfänger bekommen ständig ihre vermeintliche Position durch das amerikanische GPS-System geliefert, ermitteln die Fehler und verteilen diese Information über drei geostationäre Satelliten. Wer also gleichzeitig GPS nutzt und diesen Zusatzservice empfängt, dessen jährlicher Betrieb rund 110 Mio. Euro kostet (Finanzierung nach 2013 noch unklar!), kann seine Position im 3D-Raum mit absoluter Genauigkeit angeben. (Space News 3.3.2011)

Zumindest die erste Phase der GPS-Konkurrenz Galileo ist nun sicher finanziert: Damit können die ersten 18 („Galileo-NavSats …“) – bereits im Bau befindlichen – Satelliten gestartet werden, und es bleiben noch Reserven für Unvorhergesehenes. Die Komplettierung des Systems auf 30 Satelliten dürfte indes vor 2014 kaum anzugehen sein. (Space News 3.3.2011)

Die erste Buchung wissenschaftlicher Flüge auf bemannten Suborbitalraumschiffen

hat das Southwest Research Institute vorgenommen: Mit dem SpaceShipTwo („Zoff …“) von Virgin Galactic soll es bis in mindestens 100 km Höhe gehen und mit dem Lynx Mark 1 von XCOR immerhin noch 60 km hoch (was zwar kein Weltraum aber immer noch ziemlich hoch ist). Materialwissenschaft unter µg – zum Verhalten von Asteroiden-Regolith – und medizinische Selbstversuche sind ebenso geplant wie der Wiederflug des astronomischen UV-Teleskops SWUIS (Southwest Ultraviolet Imaging System), das 1997 auf dem Space Shuttle Discovery im Orbit war. In der US-Wissenschaft besteht generell ein großes Interesse an der Nutzung („Suborbital-Raumschiffe …“) der kommerziellen Suborbitalschiffe: Sie stellen eine Nische zwischen Parabelflügen und der ISS dar, auf die nur sehr schwer zu kommen ist. Noch unklar ist, wie viel Training die Wissenschaftler, die die Experimente in den 5 Minuten µg betreuen, benötigen werden – und ob sie sich auch in der Schwerelosigkeit amüsieren dürfen oder fest angeschnallt werden … (Virgin Galactic Press Release 28.2., Space Today 1., The Space Review 14.3.2011)

China verfolgt offenbar Pläne für eine große Raumstation: Der dieses Jahr startenden Ministation Tiangong-1 („In rund einem Jahr …“), die erst unbemannt Shenzhou 8 und dann zwei Besatzungen aufsuchen werden, sollen 2013 eine größere und 2015 eine noch größere Station folgen – und im Zeitraum 2020-22 wird dann eine 60-Tonnen-Station aufgebaut, die 10 Jahre halten soll. Und etwas Sinnvolles damit anfangen wollen die Chinesen angeblich auch. (Space.com 7.3.2011)

Neue Chance für DSCOVR als Weltraumwetterwächter?

Im NASA-Budget-Entwurf für 2011 steht es jedenfalls drin: Der einst von Al Gore („Der „GoreSat“ …“) als kurioser Erdbeobachter, der immer auf die Tagseite schaut, initiierte Satellit, der politischen Ränkespielen zum Opfer fiel und seit 7 Jahren eingelagert ist, wird demnach mit Detektoren für solare Teilchen erweitert und soll im Lagrangepunkt 1 den uralten Advanced Composition Explorer ablösen, der seine Nennlebensdauer schon um 12(!) Jahre überschritten hat. Mit einem Start Ende 2013 käme er gerade recht zum Sonnenmaximum. (Spaceflight Now 21.2.2011) NACHTRAG: ein langer Artikel zur Odyssee des Satelliten. NACHTRAG 2: weitere Entwicklungen.

Die dritte Generation der Meteosats ist gesichert, nachdem die Statthalter-Regierung Belgiens als letzte die Mittel für Meteosat Third Generation („Meteosats der 3. …“) freigegeben hat – damit wird es Euro-Wettersatelliten auch die nächsten 30 Jahre geben. Und zwar sechs MTG-Satelliten, die ab 2018 starten sollen, Kostenpunkt rund 3.4 Mrd. Euro. (Eumetsat Release, BBC 25.2.2011. Und Chosun Ilbo 10.3.2011 über den Beinahe-Zusammenstoß u.a. eines koreanischen Wettersatelliten mit einem im GEO herumirrenden russischen Satelliten)

Die ersten kalibrierten Messungen der UV-Strahlung der Sonne durch den Satelliten PROBA-2

und sein LYRA-Instrument liegen nun vor: Es misst mindestens 20-mal pro Sekunde die Irradianz in vier Wellenlängen und ist damit ein ideales Frühstwarnsystem für Flares und Ähnliches. Die Kamera SWAP auf demselben ESA-Satelliten („Proba-2 …“) – der auch noch diverse Technologie- und weitere wissenschaftliche Experimente trägt – kann dann nachschauen, wo auf der Sonnenscheibe die zusätzliche UV-Strahlung her kommt. (ESA Release 10.3.2011. Und eine DLR PM 15.3.2011 zur zeitweiligen Übernahme der Kontrolle des PRISMA-Satellitenpärchens durch das DLR [NACHTRAG: DLR Blog dazu] – ab Sommer sind wieder die Schweden dran)

GOCE hat das beste Geoid aller Zeiten bestimmt und am 2. März das erste Jahr seiner Vermessung des Schwerefelds der Erde abgeschlossen – die Verlängerung der Mission bis Ende 2012 ist bereits beschlossen, um die Daten noch weiter zu verbessern. (ESA Release 4.3.2011)

Vier Finalisten für die dritte Mittelklasse-Mission der Cosmic Vision

der ESA (M3) sind aus 47 eingegangenen Vorschlägen ausgewählt worden: ein Exoplaneten-Spektrograph, ein großflächiger Röntgensatellit, eine Sample Return von einem Asteroiden und ein Satellit für fundamentalphysikalische Experimente. Der Gewinner darf auf einen Start im Zeitraum 2020-22 hoffen, nach M1 und M2 in den Jahren 2017-18: Noch dieses Jahr werden die beiden Glücklichen aus den drei Kandidaten („Drei Finalisten …“) Euclid, PLATO und Solar Orbiter ausgewählt. (ESA Release 25., BBC 26.2.2011. Und Space News 25.2., New Scientist 2., Space News 11.3.2011 zu neuem – diesmal technischem – Ärger mit dem JWST, dessen Detektoren aus unerfindlichen Gründen rapide vergammeln und u.U. für 30 Mio.$ ersetzt werden müssen)

Der nächste große US-Astrosatellit WFIRST kann frühestens 2025 starten, weil die enormen Kosten- und Terminüberschreitungen beim JWST den Astro-Etat massiv belasten. Am liebsten würden die Amerikaner doch noch bei Euclid einsteigen, aber der Zug scheint abgefahren. Ein Szenario steht aber noch im Raum: Fällt Euclid bei der M2/M3-Wahl durch, dann könnte die Mission eines Dunkelenergie-Forschers vielleicht separat als 50:50-Partnerschaft mit der NASA gerettet werden – die sonst in der Weltraumastronomie ähnlich ins Hintertreffen zu geraten droht wie es die US-Teilchenphysiker gegenüber dem CERN bereits sind … (Science 4.3.2011 S. 1121)

Voyager 1 dreht sich auf Kommando im Raum

Inzwischen im Heliosheath am Rande des Sonnensystems angekommen, hat sich die 33 Jahre alte Raumsonde am 7. März planmäßig gedreht, um den Anströmwinkel eines Messgeräts für den Sonnenwind zu ändern – es misst seit einer Weile die Geschwindigkeit Null (siehe ISAN 126-10), und das bedeutet vermutlich, dass der solare Teilchenstrom hier aufgehalten wird und zur Seite abknickt. Die Analyse der Daten wird dauern, und auch weitere Pirouetten Voyagers sind geplant – ein Manöver, das (bis auf einen Vortest) seit 21 Jahren nicht mehr durchgeführt wurde, damals zur Aufnahme des Portraits des Sonnensystems. (JPL Release, Universe Today 8.3.2011)

Der Saturnmond Enceladus hat eine noch viel stärkere innere Wärmequelle als bisher gedacht, 15.8 GW, haben IR-Messungen Cassinis am Südpol (wo die ‚Tigerstreifen‘ einen Blick ins Innere erlauben) gezeigt – und eine offensichtliche Ursache gibt es nicht! Vielleicht verändern sich die orbitalen Verhältnisse von Enceladus und Dione in einer Weise, dass die Gezeitenheizung zeitweise stark erhöht ist, und wir haben gerade Glück („Enceladus nur …“)? Jedenfalls ist nun noch wahrscheinlicher, dass es im Enceladus-Inneren flüssiges Wasser gibt, was den kleinen Mond astrobiologisch noch interessanter macht. (JPL Release 7.3.2011)

MESSENGER vor dem Eintritt in den Merkur-Orbit!

In der Nacht vom 17. zum 18. März wird die NASA-Sonde MESSENGER, die bereits dreimal am Merkur vorbei flog, von 1:45 bis 2:00 MEZ ihr Triebwerk zünden, 31% des Treibstoffvorrats verbrennen und die Geschwindigkeit um 862 m/s verringern: Schon während des Manövers sollte dessen genereller Erfolg zu bemerken sein, und gegen 3:00 MEZ wird feststehen, ob der Zielorbit („MESSENGER keine 100 Tage …“) erreicht wurde. Nur sehr vorsichtig werden dann in der neuen permanent heißen Umgebung die wissenschaftlichen Instrumente wieder in Betrieb genommen, mit dem Beginn regulärer Beobachtungen am 4. April: Bilder aus dem Orbit wird es z.B. noch zwei Wochen lang keine geben. Und auch danach wird nur ein ausgewähltes Bild pro Tag gezeigt: Im Gegensatz zu etwa Cassini wird das Projekt den ständigen Fluss der Rohbilder unter Verschluss halten, so dass der Rest der Welt sie erst nach Monaten über das zentrale Archiv zu Gesicht bekommen wird. (JHU APL Release, Visuals, U. Colorado PR, Science@NASA, Planetary Society Blog, New Scientist 15., UA News 11.3.2011)

Dawn nähert sich dem Asteroiden Vesta mit nur noch 700 m/s, und die Geschwindigkeit sinkt jeden Tag, den das Ionentriebwerk eingeschaltet („Asteroidensonde …“) ist, um 7 m/s: Im Juli wird die erste Umlaufbahn in 2400 km Höhe erreicht, später geht es auf 660 und schließlich sogar 200 km hinunter, bevor die Reise im Juli 2012 in Richtung Zwergplanet Ceres fortgesetzt wird. Schon jetzt ist Vesta übrigens am Dawn’schen Himmel das nach der Sonne hellste Objekt. Um dessen systematische Kartierung zu trainieren (80% der Oberfläche liegen im Licht), ist schon mal das bestmögliche 3D-Modell aus Hubble- und erdgebundenen Bildern (siehe ISAN 121-9) erstellt worden. (Dawn Journal 27.2., JPL Release, DLR PM 10.3.2011. Und das Planetary Society Blog 7.2.2011 über den Vesta-Körper mit seinem großen Krater)

Nachrichten aus der Weltraumforschung kompakt

22. Januar 2011

Der massereiche Stern Zeta Ophiuchi rast durch das ISM auf einem Bild des WISE-Satelliten (3.4 bis 22 µm), der den Bugschock vor dem Stern sichtbar macht, der mit 24 km/s durch interstellares Gas und Staub pflügt. Dabei komprimiert und heizt er das Medium des Schocks; zugleich sorgt die starke UV-Strahlung des Sterns auch für Staubheizung in seiner weiteren Umgebung, was sich als rötlicher Schimmer bemerkbar macht.

Vollmondaufgang von der ISS aus gesehen am 19. Januar: Die Sequenz – Anklicken liefert noch ein früheres Bild – zeigt wieder einmal die extreme Refraktion, die nur im Orbit gesehen werden kann.

Dem NanoSail D geht der Strom aus: Dieses Diagramm aus dem Dashboard – via DK3WN – zeigt den Abfall der Batteriespannung (in Volt, gegen die Stunden seit dem Aussetzen). Vom 19.-21. Januar hatten Funkamateure den Satelliten empfangen, seit dem Nachmittag MEZ des 21. aber nicht mehr – vermutlich war es das; die Empfangsversuche gehen aber weiter. Nun ist es wohl an den visuellen Beobachtern, das entfaltete Sonnensegel in den nächsten 70 bis 120 Tagen bis zum Verglühen zu verfolgen. NACHTRAG: Bisher sind noch keine Sichtungen eingegangen, vielleicht ist der Orbit zu ungenau. Dass sich das Segel gut entfaltet hat, bestätigen jedenfalls Radarechos: Der Satellit (dessen – planmäßiges – Ableben seiner Batterie inzwischen bestätigt ist) wurde plötzlich viel größer.

Weiter keine Lösung für Wunschteleskop WFIRST in Sicht

Durch die gewaltigen finanziellen Probleme des JWST droht der Start des Wide-Field IR Survey Telescope der NASA, das sich parallel um Dunkle Energie, Exoplaneten und mehr kümmern soll, auf frühestens 2025 zu rutschen – wenn die ESA mit ihrer Euclid-Mission schon Wesentliches zumindest in Sachen Dunkle Energie herausgefunden haben könnte. Eine Fusion der beiden teuren Weltraumteleskope („Euclid vs. WFIRST …“) hat der NASA aber auch ein weiteres Panel nicht empfehlen können, und einen 20%-Einstieg der NASA in Euclid, den die ESA anbietet, sieht man auch nicht, solange die ESA die Mission noch gar nicht endgültig ausgewählt hat. (Space Policy Online 2., New York Times 4.1.2011)

Immer mehr Hardware für das JWST wird fertig, aller unklaren Zukunft ungeachtet: Immerhin sind schon 3 Mrd.$ in den Riesensatelliten gesteckt worden! Nach und nach absolvieren die 18 Segmente des Hauptspiegels ihre Härtetests, und die wissenschaftlichen Instrumente nehmen Form an. Am Satellitenbus selbst wird noch nicht gebaut: Man will erst die schwierigen Dinge erledigen. (Spaceflight Now 17.1.2011)

Einzelnes Stück Hardware hält den LISA Pathfinder auf

Eine Art Klammer-Mechanismus des Test-Satelliten für LISA („Optical …“), der die Testmassen erst beim Start festhalten und dann im Orbit mit nur maximal 2 cm/h(!) Geschwindigkeit freilassen soll, tut’s einfach nicht: Jetzt muss die ESA seine Entwicklung noch einmal von vorne beginnen, wodurch sich der Start des Satelliten auf frühestens 2013 verschiebt, obwohl alle anderen Komponenten im Zeitplan liegen. Schon lamentieren Konkurrenzprojekte, die wegen LISA zurückgestellt wurden, der große Gravitationswellen-Detektor sei wohl noch nicht reif – aber der Pathfinder soll das aufwändige System ja schon vor dem Start validieren, und da ist es allemal besser, wenn es jetzt hakt. (Nature News 19.1.2011) NACHTRAG: Jetzt heißt es schon: Start frühestens 2014 – und nicht nur bei der Caging Mechanism Assembly hapert’s.

Das Tevatron wird Ende des Jahres abgeschaltet

Weil die US-Regierung keinerlei Spielraum für die unverzichtbare Extrafinanzierung sieht, die ein Weiterbetrieb des US-Beschleunigers („Eine weitere …“) erfordert hätte, hat das Energieministerium am 6. Januar sein Ende mitgeteilt: Damit haben die USA direkt keine Chance mehr, den Europäern das Higgs-Teilchen noch weg zu schnappen, was mit einem Betrieb des Tevatron bis 2014 vielleicht gelungen wäre. Die USA überlassen nunmehr die höchsten Energien Europa (wobei aber viele Amerikaner beim LHC mitmachen dürfen, dessen Winterwartung im Zeitplan liegt; im Februar wird er wieder hochgefahren) und konzentrieren sich selbst künftig auf hohe Strahl-Intensität: ein Ansatz, bei dem Phänomene gefunden werden können, die weniger Energie erfordern, dafür aber sehr selten sind. (Nature 19., CERN Bulletin 17., Physics World 18., 13., 11., Nature, Symmetry Breaking, Discovery, Not Even Wrong, New Scientist Blog 11., Symmetry Breaking, Cosmic Variance 10., Nature Blog 6.1.2011, Science 2.0 21.12.2010. Und Nature Blog über das weltweite GRID, das die LHC-Datenflut verarbeitet)

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

4. November 2010

TanDEM-X und TerraSAR-X jetzt in engem Formationsflug

Nur noch 350 Meter (und dem nächst 200 m) trennen jetzt die beiden Radarsatelliten, die damit im bistatischen Modus arbeiten können: Einer schickt die Radarpulse aus, beide empfangen sie. Interferometrisch zu Höhenkarten verarbeiten kann man zwar auch Radardaten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten gewonnen wurden, aber nun fallen Fehlerquellen durch Veränderungen der Erdoberfläche zwischen den Überfliegungen weg. Und weil nur ein Radar aktiv sein muss, werden auch die Resourcen geschont. Ab Januar beginnen die Routinebeobachtungen, die zu einer 3D-Karte der Erde mit 12-m-Pixeln und 2 m Genauigkeit führen sollen: Die Karte aus der Shuttle Radar Topography Mission vor 10 Jahren ist dann Geschichte. (DLR Releases 19., 15., Missionsblog 19., 15., 12.10.2010; BBC 19., Spaceflight Now 17., BBC, Frankfurter Rundschau 15.10.2010. Und ein ESA Release zu gemeinsamen Radarbeobachtungen von ERS-2 und Envisat – den letzten, denn danach wurde der Envisat auf eine andere Bahn verschoben)

Die Inbetriebnahme des CryoSat ist fast abgeschlossen: Sein Radarhöhenmesser SIRAL hat sich als sehr stabil erwiesen, und die Bahnbestimmung der DORIS ist hoch genau, und auch ein kleiner Drehratensensor tut’s. (ESA, UKSA Releases 26.10.2010. Auch ein ESA Release und Space.com zur Wiederherstellung von GOCE und ESA Releases vom 2.11. und 6.10., Spaceflight Now und Space.com zum erfolgreichen Kampf von SMOS gegen Störsender)

Der Start des Umweltsatelliten Glory ist auf Februar 2011 gerutscht, wofür diesmal Probleme mit der Mechanik der Solarzellen verantwortlich sind. Der Satellit soll sich dem „A Train“ mehrerer NASA-Umweltsatelliten in nahem Formationsflug anschließen und trägt u.a. einen Sensor für die Gesamtstrahlung der Sonne – der dringend in den Orbit muss, um einen alternden auf SORCE abzulösen. (Space News 8., Universe Today 2.10.2010. Betroffen ist auch der Mit-Passagier KySat. Auch ein NASA Release zum A Train und ein JHU APL Release zu einer weiteren Missionsverlängerung für TIMED)

Satellit gestartet zur … Satelliten-Beobachtung

Wie er genau arbeiten soll, wird nicht verraten, aber er hat ein frei bewegliches 30-cm-Teleskop mit 2.4-Megapixel-Kamera und wird in das bodengebundene System der Weltraumüberwachung der USA mit Radaranlagen und optischen Teleskopen eingebunden: der Space Based Space Surveillance Satellite (SBSS), den am 25. September eine Minotaur IV mit einem spektakulären Nachtstart in Kalifornien auf einen 630-km-Orbit mit 98° Neigung brachte. Sieben Jahre soll er arbeiten und wohl vor allem Positionen von fremden Satelliten und Raumschrott messen aber vermutlich auch unbekannte Raumflugkörper identifizieren helfen. Die nächste Minotaur, für die dies übrigens der 18. Erfolg bei 18 Starts war, soll am 19. November in Alaska abheben, u.a. mit FASTSAT & Nanosail D an Bord. (Orbital, USAF Releases 26.9.2010; Spaceflight Now 6.10., Palomar Skies, Space.com, Spaceflight Now, Space Today 26.9.2010. Und ein NASA Release zum FASTSAT)

X-37B verschwunden – und wieder im Orbit aufgetaucht: Der kuriose Geheimshuttle hat erneut seine Bahn geändert („Geheimshuttle …“) und war den Amateursatellitentrackern entwischt, die schon seine Landung wähnten. Doch dann wurde er wieder gefunden, die Bahn war jetzt nur 54 km niedriger. (sUAS News 13., Universe Today 14., Strategy Page 15.10.2010.)

AEHF muss sich mit exotischem Ionenantrieb retten: Der gestrandete Satellit („Teurer …“) hat seine Bahn bislang mit kleinen Düsen angehoben, aber nun müssen die Hall Current Thrusters ran. (Spaceflight Now 17.10.2010. Auch Space News zur anhaltenden Wanderung des überraschen zähen Galaxy 15 [„Der Zombie-Satellit …“], dem hoffentlich bald der Strom ausgeht – und der dann vielleicht wieder unter Kontrolle zu bringen ist)

Erster Demonstrationsflug einer „Dragon“ am 18. November

Nach allerlei Verschiebungen soll nun bald die zweite Falcon 9 mit der ersten Dragon-Kapsel starten: eine besonders anspruchsvolle Mission, da letztere in 4 Stunden ein komplettes Flugprofil mit mehreren Erdorbits, Wiedereintritt und Fallschirmlandung vorführen soll. Space X hofft weiterhin, mit einem Erfolg die NASA so zu beeindrucken, dass die nächste Dragon gleich die ISS ansteuern darf. (Spaceflight Now 26., Space News 25., Space.com 11., Universe Today 5.10., Space News 22.9., AW&ST 30., Technology Review 25.8.2010) NACHTRAG: Der Start wurde nun auf den 7. Dezember verschoben, ohne Angabe von Gründen.

PRISMA-Rendezvous-Experimente laufen: Das Satellitenpaar Mango & Tango („Die Prisma-Satelliten …“) hat bereits – mit Hilfe eines GPS-Systems des DLR – wieder bis auf 7 m Abstand zusammen gefunden. Und im weiteren Verlauf der Technologiemission ist mittels optischer Sensoren eine Annäherung bis auf 1 m vorgesehen. (DLR-Pressemitteilung 29.9., Spaceflight Now, Space.com 25.10.2010)

Euclid vs. WFIRST: verfahrene Situation zwischen ESA und NASA

Bei der ESA ist ein Weltraumobservatorium zur Erforschung der Eigenschaften der Dunklen Energie unter den letzten drei Kandidaten („Drei Finalisten …“) für die nächste Mittelklassemission, mit einem Start vielleicht schon 2018 – und der NASA hat die Decadal Survey (siehe ISAN 117-5) als wichtigste Sternwarte im Weltraum ebenfalls eine verordnet, die sich der Dunklen Energie aber nebenher auch anderen Dingen annehmen soll, dies aber vermutlich nicht vor 2022. Da droht eine kostspielige Dopplung, und schon eine Weile wird über allerlei Optionen von gegenseitiger Beteiligung bis zu kompletter Verschmelzung der Projekte debattiert, doch eine Lösung nach wie vor nicht in Sicht. (Space Policy Online 28., 19., Space News 17., Nature Blog, Space Policy Online 16.9.2010)

Indischer Nanosatellit startet erst 2011: Jugnu („Der erste in Indien …“), an dem 45 Studenten und 12 Professoren geschraubt haben, hat erst in der 1. Jahreshälfte 2011 eine Mitfluggelegenheit bekommen. In einer 700 km hohen Polarbahn soll er trotz seiner geringen Größe echte Erdbeobachtung betreiben. (Indian Express 15.10.2010)

3037 Trümmer des chinesischen ASAT-Experiments kreisen weiter um die Erde!

97% der Bruchstücke, die der Antisatelliten-Test 2007 produzierte, sind auch 3 1/2 Jahre später noch im Orbit und machen 22% der katalogisierten Objekte im niedrigen Erdorbit aus. (Space Policy Online 15.10.2010)

Australischer Astro-Ballon-Fehlstart Folge von fehlendem Risiko-Bewusstsein: Ein umfangreicher Untersuchungsbericht über den Unfall im April („Astronomie-Ballon …“) kommt zu dem Schluss, dass einfach keiner geahnt hatte, was für Gefahren von einer über den Boden schleifenden schweren Nutzlast ausgehen kann. Viele Prozeduren werden nun verbessert – oder erstmals in Worte gefasst, denn es gab bisher erstaunlich wenig Vorschriften. Der amerikanische Startchef kannte noch nicht einmal die australische Notrufnummer … (NASA Release 22., ABC, Nature Blog 25.10.2010. Auch New Scientist Blog und Universe Today über einen Ballon-Testflug im Rahmen des Google Lunar X Prize)