Impressionen von einem „extremen“ Seminar

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Kurt Roessler hatte geladen, zum 21. Mal, und wieder waren rund 150 Gäste zum Bad Honnefer Winterseminar gekommen, das diesmal „Leben in extremen Umgebungen“ behandelte, in einem sehr breiten astronomischen Kontext freilich – genau diese Interdisziplinarität macht den Reiz dieser für jeden zugänglichen Veranstaltungen aus. Und wenn man auch mal ausstieg, wenn ein Chemiker allzu begeistert Strukturformeln über die Leinwand wirbeln ließ, ein anderer sich für höchstselbst erfundene abgedrehte Analyse-Verfahren feierte oder sich ein Biologie in Gensequenzen verwickelte, so eröffnete gerade das Einblicke in Wissenschaftsbereiche, mit denen man als ‚Normalastronom‘ sonst kaum in Berührung kommt. Und die für die hinter allem lauernde Frage nach Leben anderswo entscheidend sind.

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Die besten Plätze im Sonnensystem für die Suche nach weiteren Biosphären sind für den Altmeister der europäischen Planetenforschung Gerhard Schwehm eindeutig die Ozeane unter den Eiskrusten der Jupiter- und Saturnmonde Europa und Enceladus. Den beiden für 2022 geplanten Großmissionen der ESA („JUICE“ – keiner mag dieses Akronym) und der NASA ins Jupiter-System kommt daher besondere Bedeutung zu.

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Immer ganz vorne bei der Suche nach prä(!)biotischen Mechanismen ist die Kometenforschung vor Ort: Rosetta war vor einem Jahr das zentrale Thema des BHWS gewesen, aber da war vieles entweder noch unklar oder durfte nicht im Detail diskutiert werden. Die Lage hat sich entspannt, nachdem inzwischen rund 120 Rosetta-Papers erschienen sind: Martin Hilchenbach konnte aus dem Vollen schöpfen und auch eine Galerie von COSIMA eingefangener Staubteilchen zeigen. Während Uwe Meierhenrich die 16 Moleküle diskutieren konnte, die COSAC auf Philae in den immerhin 427 empfangenen Massenspektren des Abydos-Bodens sah. Das Bild passt zu Laborexperimenten mit künstlicher Kometenmaterie.

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Eine ganz andere Perspektive auf Leben unter Extrembedingungen lieferte Volker Damann, bis vor kurzem ‚Weltraumarzt‘ bei der ESA – explizit nicht für Experimente an Astronauten zuständig sondern für deren Wohlergeben. Eingehend schilderte er z.B. den Ablauf des jüngsten Auswahlverfahrens der ESA, das 2009 sechs neue Astronauten hervor gebracht hatte: Psychologische Auswahlschritte kommen zuerst, erst ganz am Schluss die viel teureren (und auch ethisch kritischen) harten medizinischen Tests – bei denen zur Überraschung der Ärzte jeder zweite ausschied. Insgesamt kostete die Prozedur rund 5 Mio. Euro. Damann, der soeben zur International Space University wechselte, warf auch die interessante Frage auf, warum es auf der ISS keinen Bordarzt gibt (wo der doch schon vor Jahrhunderten auf Forschungsschiffen üblich war) und nur minimales Equipment: Eigentlich sollte mal ein Crew Return Vehicle permanent angedockt sein, mit dem es in sanftem Gleitflug geradewegs zur nächsten Klinik hätte gehen können – aber das CRV wurde gestrichen, während die medizinischen Möglichkeiten an Bord unverändert marginal blieben. Es war halt nie etwas passiert, und statistisch gesehen (hochgerechnet aus typischen Erfahrungen am Boden) wäre ein schwerer medizischer Notfall auf der ISS schon lange überfällig: Bei einer 6-köpfigen Besatzung sollte das eigentlich alle 5 1/2 Jahre passieren und der mit Abstand wahrscheinlichste Grund für eine Notevakuierung sein. Auch interessant: Trotz über 50 Jahren Erfahrung gibt es immer noch unverstandene Effekte der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper wie den VIIP-Effekt, bei dem ein Augapfel von hinten eingedrückt wird. Und auch auf der ISS die Strahlenbelastung enorm: Sie entspricht einer Röntgenaufnahme der Lunge pro Tag.

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Der Archaeen-Spezialist Reinhard Wirth machte fulminant Werbung für diese erst 1977 entdeckte dritte Domäne des Lebens auf der Erde: Man findet diese genetisch am Fuße des ‚Tree of Life‘ angesiedelten Mikroben keineswegs nur in extremen Umgebungen mit heißen Temperaturen, starkem Salzgehalt etc. – sie sind viel weiter verbreitet und machen z.B. 40% der Prokaryoten in tiefem Meerwasser aus. Auch in und auf dem menschlichen Körper können Archaeen vorkommen, etwa im Darm oder – sehr anhänglich – auf der Haut. So gelangen sie auch gerne in Reinräume, was wiederum ein Problem für die Planetary Protection darstellt: Fände z.B. eine bestens sterilisierte Raumsonde auf dem Mars Archaeen-artige DNS-Spuren, dann kann man praktisch sicher sein, dass es blinde Passagiere von der Erde sind. Ach ja, das bei weitem schnellste Lebewesen der Erde – bezogen auf die eigene Körpergröße – ist auch eine Archaee …

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Auch die Tiefsee kann man als extremen Lebensraum auf diesem Planeten betrachten – und sie ist sogar volumenmäßig der größte Lebensraum auf der Erde, da 54% der Erdoberfläche mehr als 3000 Meter unter Normal Null liegen, wie Hartmut Arndt betonte. Zwar hält sich die Lebensfreundlichkeit in engen Grenzen, aber es haben sich viele Nischen gefunden, etwa an den Black Smokern, die wiederum Analoga auf anderen Planeten – etwa auf dem Boden der o.g. Eismond-Ozeane besitzen könnten.

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Am Ende gab Rüdiger Vaas noch einen spekulationsreichen Ausblick auf das „Leben in sehr ferner Zukunft“ – vom Unbewohnbarwerden der Erde durch die Evolution der Sonne bis hin zu wilden Überlegungen, wie es sich sogar nach dem Zerfall aller Materie durch Manipulation des Raumes selbst bewahren könne. Das führte dann zwangsläufig zur Begrifflichkeit der Ewigkeit: vielleicht ein Thema für ein künftiges Bad Honnefer Winterseminar, denn die Reihe geht weiter mit dem 22. vom 12.-14. Januar 2017 (wobei dessen Thema noch offen ist). Auch dies Mal gab es wieder reichlich Rahmenprogramm, so diskutierte Roessler eingehend die Geschichte des Hauses (an der Wand Elly Hölterhoff geb. Böcking, die für die entscheidende Stiftung gesorgt hatte), und es wurde auch wieder reichlich Wein verköstigt:

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Eine Antwort to “Impressionen von einem „extremen“ Seminar”

  1. nemo Says:

    „…es auf der ISS keinen Bordarzt gibt…“

    Gute Bemerkung, die die ganze Misere der ISS bzw. der bemannten Kosmonautik, so wie sie praktiziert wird, auf den Punkt bringt. Ist doch die human-physiologische Forschung neben der wissenschaftlich-technischen Vorbereitung eines interplanetaren Fluges, zu der auch die Entwicklung einer kosmischen Medizin zählen würde, die einzige zu rechtfertigende Begründung einer bemannten Station im Erdorbit. Alle anderen Wissenschaftszweige müssen als wissenschaftliches Alibi herhalten, sind sie doch günstiger, qualitativ und quantitativ auf höheren Niveau durch automatische Mittel umsetzbar.

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