Schlechter Schlaf bei Vollmond? Einige Fragen …

… an die viel beachtete Arbeit von Cajochen et al., Current Biology 23 [25.7.2013] 1-4 – s.a. Pressemitteilungen der Uni des PI und der Zeitschrift sowie ein längeres Interview mit dem PI (9:47-15:16; hier zusammen gefasst) – müssen gestellt werden, stellt sie doch einen „extraordinary claim“ im Truzzi/Sagan’schen Sinn par excellence dar: Es gibt keinen plausiblen Mechanismus, warum die Mondphase den Schlaf des Menschen beeinflussen sollte – und es gibt zahlreiche frühere Studien (wie etwa hier auf Seite 10), die in der Tat keinen signifikanten Effekt fanden. Und nun auf einmal doch? Da muss es ja wohl „extraordinary evidence“ geben, und zumindest eine Flut von Schlagzeilen wollte uns dies in den letzten Tagen in der Tat glauben machen, etwa hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier, wobei in keinem der Artikel (und auch von den skeptischen Autoren hier oder hier nicht) das Paper selbst im Detail analysiert wird. Ist es etwa eine so gewaltige Arbeit, dass man als Betrachter sprachlos vor der angehäuften Evidenz steht? Schaun wir halt mal nach …

Schon die Entstehung der Arbeit – im Druck keine zwei Seiten lang, zzgl. Anhängen – erstaunt: „We just thought of it after a drink in a local bar one evening at full moon, years after the study was completed,“ schreiben die Autoren, denn ursprünglich, in den Jahren 2000 bis 2003, hatten sie gänzlich mondfrei nach Effekten des Alters auf die Reaktion auf Schlafentzug und auch zuviel Schlaf geforscht und dazu 33 Freiwillige jeweils ein paar Tage in ein isoliertes Schlaflabor gebeten. Der aktuelle Spin-Off dieser Studie basiert auf den jeweils zweiten Nächten der Versuchspersonen im Rahmen der zwei Versuchsblöcke, als man sie möglichst normal ruhen ließ: unter kontrollierter Temperatur in einem fensterlosen Raum. Insgesamt gerade einmal 64 Personen-Nächte sind nun die Grundlage der gesamten Mondstudie, verteilt auf die 33 Probanden. Die einzige Darstellung nicht gemittelter Daten aus diesen 64 Nächten in dem Paper (alle anderen Angaben werden nur statistisch gemacht) bezieht sich auf die Zeit zwischen dem Ausschalten des Lichts und dem Einschlafen und sieht herausvergrößert so aus:

mond-grafik

Die Einschlafsverzögerung oder „sleep latency“ ist hier gegen die Mondphase der entsprechenden Nacht geplottet und reicht von ca. 2 Minuten (unterster) bis 38 Minuten (oberster Datenpunkt); die rosa Punkte sind junge Frauen, die blauen junge Männer, die weißen alte Frauen und die grauen alte Männer, und der Sinus mit einer Amplitude von +/-5 Minuten ist ein – mäßiger – Fit durch die Datenwolke. Dies also ist der viel zitierte „bei Vollmond schläft man 5 Minuten später ein“-Effekt; auch weitere messbare physiologische Parameter und auch die „gefühlte“ Schlafqualität variierten etwas mit der Mondphase, doch davon zeigt man die einzelnen Datenpunkte nicht. Ist dies nun aber ein überzeugender – und gar doppelblinder, da weder Probanden noch Experimentatoren wussten, um was es einmal gehen würde – Beleg für eine physiologische Wirkung der Mondphase auf den Schlaf? Abgesehen von der geringen Zahl der Datenpunkte und dem Manko, dass für keine einzelne Person Daten für mehr als zwei Nächte verwendet werden konnten: Es gibt keine Informationen darüber, wieviele der Probanden wie stark an einen Mondeffekt in ihrem Leben glaubten und so gewissermaßen einen lunaren Nocebo-Effekt erfuhren.

Die Vorstellung, dass der Mond das gesamte Leben bestimmt, von der Vegetation über den Haarwuchs bis eben auch zur Schlafqualität, ist auch im ‚aufgeklärten‘ Mitteleuropa virulent – und die Probanden der (in Basel durchgeführten) Studie hatten seinerzeit jede Möglichkeit, von der aktuellen Mondphase zu wissen. Intensiv befragt worden waren sie zu ihrer Gesundheit und Faktoren (Lärm wurde genannt), die sie beim Schlafen generell störten, aber die Glaubensstärke in Sachen Mondeffekt wurde offenbar nicht erhoben. Nicht nur dieser Blogger sondern z.B. auch der bekannte deutsche Skeptiker Sebastian Bartoschek hält diesen vermutlichen Bias für den wohl entscheidenden Faktor, der die – milde und bei weitem nicht klinisch relevante – Schwankung der Schlafqualität der Probanden erklären könnte. Ausschließen lässt sich – angesichts der Durchführung in urbanem Umfeld – mit ziemlicher Sicherheit eine direkte Beeinflussung durch (fast Voll-)Mondlicht in den Tagen vor den Messungen: Wie hier im Bezug z.B. auf Wien gemessen werden konnte, moduliert der Mond bei der vielen Lichtverschmutzung in Städten die Nachthimmelshelligkeit nicht mehr nennenswert.

Damit relativiert sich auch die Spekulation in dem Paper, dass im menschlichen Gehirn noch ein lunarer Zeitgeber verankert sein könnte, der sich nun im Labor manifestiert habe: Selbst wenn einen solchen die Evolution aus irgendwelchen Gründen übrig gelassen haben sollte – wie sollte er bei den urbanen Versuchspersonen, die der Mond direkt auf keine Weise mehr beeinflussen kann, derart gut synchronisiert werden, dass er sich in der zufällig ausgewählten Gruppe statistisch klar bemerkbar macht? Fragen über Fragen … aber wie könnte man sie mit einem Experiment beantworten, das über eine Post-Hoc-Idee in der Kneipe im Mondenschein hinaus geht? Die systematische Beobachtung vieler Personen über mehrere Mondzyklen hinweg wäre sicher ein Anfang, bei gleichzeitiger Erfassung ihrer Glaubensstärke an die ‚Macht des Mondes‘. Oder – aber das würde schon sehr strange – die Probanden müssten so lange von der Umwelt (und nicht nur gelegentlichen Zufallsblicken auf den Mond sondern auch jedweder Information über seine Phase, den Kalender inklusive) isoliert werden, bis sie alles Zeitgefühl verloren hätten … NACHTRAG: noch mehr Kritik und Links.

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7 Antworten to “Schlechter Schlaf bei Vollmond? Einige Fragen …”

  1. Mond und Schlafstörungen @ gwup | die skeptiker Says:

    […] Schlaf bei Vollmond? Einige Fragen, Skyweek Zwei Punkt Null am 28. Juli […]

  2. yerainbow Says:

    1. post-hoc
    2. Korrelation völlig unbedeutend.
    Ab in die Rundablage…

  3. Der Saturn ist aufgegangen – und der Mond nur Schein @ gwup | die skeptiker Says:

    […] Schlaf bei Vollmond? Einige Fragen, Skyweek Zwei Punkt Null am 28. Juli […]

  4. skyweek Says:

    Noch eine Kritik an dem Paper: http://www.medizin-transparent.at/vollmond-und-schlaf – benennt zwar Kern-Probleme, bleibt aber recht oberflächlich.

  5. Beeinflusst der Vollmond den Schlaf? | psychologie-blog – Das Weblog von Dr. Barbara Knab Says:

    […] lieben Skeptikerseite hervor (siehe die Blogroll) sondern vor allem das Blog des Astronomen Daniel Fischer. Der versteht viel von Astronomie und damit auch vom Mond, vom Schlaf und von der Schlafforschung […]

  6. Vollmondäpfel und der Siegeszug des Aberglaubens – Astrodicticum Simplex Says:

    […] Ergebnisse verwerfen, braucht es mehr als das was Cajochen et al. geliefert haben (siehe dazu auch hier, hier oder […]

  7. Allgemeines Live-Blog ab dem 17. Juni 2014 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] die extrem geringe Datenmenge und die merkwürdigen Umstände der Entstehung des Papers ließen reichlich Raum für entschiedene Zweifel. Jetzt gibt es eine andere Studie, die konkret die 2013-er Methodik nachvollziegt, aber mit […]

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