Allgemeines Live-Blog vom 26. bis 28. Juli 2015


28. Juli

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Auf dem Weg zu einer quantitativen Planeten-Definition

Als eine Arbeitsgruppe der IAU im August 2006 in einem Prager Konferenzzentrum rasch eine Definition für „Planet“ ersinnen musste, weil ein erster wirrer Vorschlag auf der Hauptversammlung durchgefallen war (mehr Links in diesem Artikel), einigte sie sich auf das wesentliche Kriterium, dass der – im Wesenlichen kugelförmige und um die Sonne kreisende – Himmelskörper „seine Nachbarschaft gesäubert“ haben müsse: Dieses ‚clearing the neighborhood‘ ist seither oft kritisiert worden, man hätte ja auch von gravitativer Dominanz der Umgebung sprechen können und wäre auf dieselben acht Auserwählten gekommen. Nur eine Woche nachdem der prominenteste Nichtgewählte Besuch bekam, hat ein ebenso kurzes wie spannendes Paper das Nachbarn-Vertreiben auf eine solide mathematische Basis gestellt. Wie sich nämlich zeigt, lassen sich relativ simple analytische Formeln, die den Kometen-Hinauswurf aus der Oortschen Wolke durch einen passierenden Planeten beschreiben, auf jede Konstellation einer Sonne, eines Planeten und Kleinzeugs in seiner Nähe erweitern: Man muss nur die Massen und Sonne und Planet und beider Abstand kennen, dann kommt eine Zeitskala heraus, in der die Nachbarn gravitativ weggekegelt sind! In der obigen Grafik der Massen gegen die Sonnenabstände der acht Planeten und dreier Zwergplaneten sind Trennlinien gezogen, die vier unterschiedlich harten ‚Clearing‘-Forderungen entsprechen: Sehr überzeugend liegen die 8 weit darüber und die 3 weit darunter.

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Das gleiche Bild hier: Nun sind die Verhältnisse von Objekt-Masse zu jener Masse eingetragen, bei der eine Säuberung bis 10 Hill-Radien in 10 Mrd. Jahren erfolgt: Pluto, Eris und Ceres verfehlen diese Anforderung alle um Größenordnungen, während selbst der kleine Merkur nicht die geringsten Probleme bekommt. Das Schöne an der Methode ist nun, dass die drei eingehenden Beobachtungsgrößen (zwei Massen und ihr Abstand) auch für einen Großteil der bekannten Exoplaneten zumindest recht gut abgeschätzt werden können – und siehe da, sie alle – Kepler-Planeten und -Kandidaten, Nicht-Kepler-Planeten und Pulsar-Planeten – erfüllen das Kriterium ebenfalls deutlich. Und es stellt sich auch noch heraus, dass die unter der eigenen Schwerkraft entstandene Kugelform gar kein zusätzliches Kriterium zu sein braucht: Jeder Nachbarn-Kicker hat dafür automatisch genug Masse. Damit ließe sich folgende Definition für Planeten überall im Universum begründen:

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Alle denkbaren oder auch schon gefundenen exotischen Konstellationen deckt allerdings auch solch eine Definition noch nicht ab, z.B. die Möglichkeit, dass sich zwei ähnlich große Körper denselben Orbit teilen, 60° gegeneinander versetzt als gegenseitige Trojaner (so etwas wurde schon mal für ein Kepler-Planetensystem vermutet aber wieder verworfen). Und auch eine gerade tatsächlich per Microlensing gefundene Exo-Venus im Orbit um einen Braunen Zwerg wäre kein Planet, weil die Definition einen echten Stern als Massenzentrum fordert – der Autor der Definition hat gegenüber diesem Blog aber bereits angekündigt, auf solcherlei Fälle in einer neuen Version des Papers einzugehen. Es eilt ja nicht, von den kommenden IAU-Resolutionen, die nächsten Monat auf Hawaii beraten werden, hat keine mit Planeten zu tun …

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Die beste Karte des Zwergplaneten Pluto – im Original 9000 x 19’000 Pixel groß; ohne und mit Netz und für Celestia – stammt diesmal vom New Horizons-Projekt selbst; auch viele Namensvorschläge auf Karten, ein NASA-Video von SOFIAs Pluto-Flug (mit der Lichtkurve ab Minute 4) und weitere Artikel zum Pluto-Besuch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

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Vom anderen Zwergplaneten Ceres ist derweil eine Höhenkarte inklusive der bisher getauften Impaktkrater erschienen – Press Releases hier, hier und hier und ein Artikel – auf der Basis einer Analyse von Dawn-Bildern, die auch als rotierender Globus existiert …

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… und von Komet C-G gibt es ein NavCam-Bild vom 20. Juli mit nun schon reichlich Jets – während sich der Mars Reconnaissance Orbiter neu orientiert, um Daten des Marslanders InSight empfangen zu können, der noch nicht einmal gestartet ist. [23:45 MESZ – Ende]


27. Juli

Tethys

Ein riesiges Einschlagsbecken auf dem Saturnmond Tethys auf einer Falschfarben-Aufnahme von Cassini in hohem Phasenwinkel vom Mai: Odysseus hat 450 km Durchmesser, Tethys 1062 km. Auch die 3D-Karte der deutschen Radar-Satelliten von der Erde, wie GOCE nach Energiequellen sucht, was Gerst so auf der Erde sah (als Multimedia-Feature), die Übergabe von MSG-4 an Eumetsat, die Recovery von Galileo 5 & 6, was der Ex-ESA-Chef sagt (zur ISS will er) und der neue ESA-Chef will (den Laden umkrempeln, ist aber schwierig), die bevorstehende Erklärung für das SpaceShipTwo-Disaster und die die Kunden vorbereitet wurden – und wie eine Kamera einen Raketenflug bis in 253 km Höhe sah. [23:55 MESZ]


26. Juli

streaks

Was wurde eigentlich aus … Plutos „Windverwehungen“?

Die möglicherweise von Winde verwehten Fähnchen auf Sputnik Planum waren bei der New-Horizons-PK am 17. Juli eine kleine Sensation gewesen, da sie Ähnlichkeiten zu Strukturen auf Neptuns Mond Triton aufwiesen, für welche wiederum aktive Geysire verantwortlich sind. Dann fehlten die entsprechenden Bilder aber in voller Auflösung im Web – und auf der PK am 24. Juli fiel kein Wort mehr darüber. Aber es gibt ja jetzt die Rohbilder – und da sind die beiden Kandidaten mit Mühe wieder zu finden. Die starken Kompressionsartefakte dieses LORRI-Bildes – hier zweimal vergrößert – erlauben wohl keine weiteren Schlüsse … [2:15 MESZ] Eine extreme Bearbeitung des Pluto-„Rings“, der bei einem Phasenwinkel von 165° entstand: Wird da wirklich Oberfläche auf der Sichel erkennbar …? [17:50 MESZ] Und Plutos Dunstschichten von denselben Fans massiv verarbeitet – plus wie sich ein Weltraumkünstler die Stickstoff-Gletscher Plutos vorstellt. [23:05 MESZ]

ISS044-E-19853

Komet PANSTARRS von der ISS aus aufgenommen mit 1/8 s bei ISO 16’127 am 18. Juli – damals stand die junge Mondsichel direkt darüber, hier völlig überstrahlt. Auch PANSTARRS mondfrei vorgestern, die Kometen Jacques bei M 27 und Lovejoy vor vier Tagen – und das chinesische Riesen-Arecibo FAST machte hier und hier und in der Folge hier und hier Schlagzeilen. [1:00 MESZ. NACHTRAG: mehr Bilder vom FAST-Bau]

2 Antworten to “Allgemeines Live-Blog vom 26. bis 28. Juli 2015”

  1. Allgemeines Live-Blog ab dem 10. 11. 2015 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] letzten Auftritt hatte Jean-Luc Margot, der seine bereits hier und hier ausführlich vorgestellte quantitative Planeten-Definition erläuertete. Das sei eben kein […]

  2. Allgemeines Live-Blog ab dem 24. August 2016 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] danach. Dass die Definition eine gute war, steht längst außer Frage und inzwischen kann sie auch mathematisch klar gefasst werden: Eine angeblich andauernde Kontroverse ist unter Astronomen praktisch nicht vorhanden, und […]

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