Allgemeines Live-Blog vom 8.-10. Dezember 2014


10. Dezember

Mars-MOID

Der interessante Fall des Near Mars Asteroids 2014 UR116

Eigentlich war es wie immer: eine Entdeckung eines erdnahen Asteroiden in Russland, verwirrte Medienberichte dort und dann weltweit (in diesem Fall dasselbe Spiel sogar zweimal, Anfang November und Anfang Dezember), Kopfkratzen bei Sachkennern, weil das Objekt auf keiner Risiko-Liste auftaucht und es mithin in den nächsten 100 Jahren gar keine Impakt-Chancen gibt, schließlich Entwarnung durch die NASA, diesmal besonders eindeutig, da Prescovery-Aufnahmen den Bahnbogen auf 6 Jahre erweitert haben, allgemeines Aufatmen, weil’s die NASA so sagt, Akte zu. Oder etwa doch nicht? Zwar hat der Kleinplanet 2014 UR116 derzeit einen garantierten Minimalabstand von der Erde (MOID) von 0.029 au, aber sein Entdecker verweist nun auf Bahnentwicklungen über jene 100 Jahre hinaus, für die das All Clear der Impaktrisiko-Webseiten gilt. Für die Erde nimmt die MOID in den nächsten 200 Jahren noch zu, bleibt aber unter 0.05 au. Doch für den Mars sinkt sie kontinuierlich – bis sie in 170 bis 180 Jahren unter den Marsradius gefallen ist (Grafik)! Natürlich bedeutet eine kleine MOID noch lange keine Kollision, aber der „Fall“ 2014 UR116 bleibt zumindest für Marsianer interessant. [23:55 – Ende]

dh67p

Das Deuterium-zu-Wasserstoff-Verhältnis von Komet C-G beträgt (5.3±0.7)×10^−4 und liegt damit – wie bereits berichtet („Deuterium/Wasserstoff-Ratio in C-G viel größer als irdisch!“) – weit über dem Wert der irdischen Ozeane, nämlich um einen Faktor ~3. Zusammen mit früheren Messungen an anderen Kometen zeigt dieses Ergebnis von ROSINA auf Rosetta, dass der D/H-Wert unter den Kometen der Jupiter-Familie erheblich streut und sie mithin nicht aus Erdozean-ähnlichem Wasser(eis) bestehen – womit eine andere Quelle für das irdische Wasser wahrscheinlicher wird: auch Artikel hier, hier, hier, hier und hier – und ein Artikel und ein früheres Paper zum Satelliten PROCYON, der mit Hayabusa 2 zusammen startete und einen anderen (noch nicht festgelegten) Asteroiden besuchen soll. [21:00 MEZ] Mehr ROSINA-Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. [23:30 MEZ]

fy2015

Die NASA bekommt im laufenden Haushaltsjahr 18.0 Mrd.$

und damit zu guter Letzt eine halbe Milliarde mehr als das Weiße Haus gewünscht hatte: So steht es in der kurz vor knapp ausgearbeiteten „Omnibus Bill“ des US-Kongresses, die einen erneuten Shutdown der Regierung verhindert hat – und die bis Ende der Woche angenommen worden sein sollte. Mit 18.01 Mrd.$ soll die NASA 549 Mio.$ mehr als ‚bestellt‘ und 364 Mio.$ mehr als im Fiskaljahr 2014 bekommen, wobei das Wissenschaftsprogram 5.2 Mrd.$ abbekommt. Zu den Gewinnern gehören Planetenforschung, die um 12% auf 1.4 Mrd.$ steigt und 118 Mio.$ für den Beginn einer Europa-Mission einschließt, Astrophysik mit 727 Mio.$, worin 70 Mio.$ für den Weiterbetrieb der gerade fertig gewarteten fliegenden Sternwarte SOFIA enthalten sind, und die Orion und das SLS mit zusammen 2.9 Mrd.$. Auch ein Video und ein Bericht zu den Beschlüssen des ESA-Ministerrats. [20:35 MEZ. NACHTRÄGE: eine Analyse der AAS und eine Reaktion der PS zu den NASA-Zahlen]


9. Dezember

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Rauschende Willkommens-Party für Alex Gerst in Bonn

Erst eine Kurz-Führung durch die aktuelle „Outer Space“-Ausstellung der Bundeskunsthalle (mit Kugel-Planetarium, Liberty Bell 7 und Pressekonferenzchen), dann eine Bühnenshow im Foyer mit 300+ Gästen: Die Rückkehr des 11. und letzten deutschen Raumfahrers (unten mit 6 seiner Vorgänger) wurde gestern Abend zünftig gefeiert. Nachdem sich die deutsche Raumfahrt mit der Einordnung ihrer großen bemannten Komponente (Frauen brachten es nie in die Endauswahl) lange schwer tat, hat sie nun eine angemessene Rolle entdeckt: It’s Party Time! Jede Menge Bilder dieses Bloggers gibt’s hier mit reichlich Zugaben hier, hier und hier und Bilder anderer hier, hier, hier und hier. [23:55 MEZ]

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Die Orion-Kapsel ist nun wieder auf festem (US-)Boden

angekommen, nachdem die USS Anchorage vergangene Nacht San Diego erreicht hatte: weitere Bilder vom Ausladen – weiter geht es nun per LKW zurück an die Ostküste – hier, hier, hier und hier [NACHTRAG: und hier] und mehr von der Bergung im Pazifik hier und hier [NACHTRAG: plus ein längeres Video] sowie Artikel zum altertümlichen Bordcomputer hier und hier, ein Video des Starts von nahem und Berichte von Teilnehmern eines Tweetup alias ‚Social‘ zum Start mit [NACHTRAG: dito] und ohne demselben.

LIRIS_infrared

Und hier noch eine ungewöhnliche „Aufnahme“ der ISS, die beim Anflug des letzten ATV per IR-Laser enstand, der die Raumstation aus 70 m Abstand anblitzte. Von derselben auch die Samantha-Berichte von L+12, L+13/14 und L+15. [20:20 MEZ] Die ersten Erfahrungen mit dem Laser-System OPALS zur Kommunikation mit der ISS. [21:00 MEZ] Der nächste Cygnus startet auf einer Atlas V zur ISS, Ende 2015, und wenn die Antares noch länger ausfällt, gibt es eine Option auf eine weitere ULA-Rakete. [21:25 MEZ. NACHTRÄGE: hier, hier und hier Artikel dazu]

nav1207

Analyse: Komet Churyumov-Gerasimenko ist ein Chaot!

Damit ist nicht das verwegene Aussehen seines Kerns – hier vorgestern aus nur 20 km Höhe – gemeint, sondern die Entwicklung seiner Bahn um die Sonne infolge mehrerer naher Vorbeiflüge am Jupiter wie auch nichtgravitativer Kräfte durch seine Jet-Aktivität in Sonnennähe: Wie die numerische Verfolgung zahlreicher „Klone“ (also Kometen mit minimal anderen heutigen Bahnelementen) zeigt, ist es schon nur noch vage möglich, C-Gs Bahn vor dem letzten nahen Jupiterbesuch 1959 zu rekonstruieren – und völlig unmöglich vor dem vorletzten 1928. Trotzdem lässt sich noch erkennen, dass der Komet wirklich aus dem Kuiper-Gürtel (und nicht der Oortschen Wolke) stammt – und dass seine Periheldistanz vor 1959 größer als 2 au war (heute: 1.3 au) und die Aktivität mithin immer geringer als sie heute werden kann. Die chaotischen Eigenschaften von C-Gs Bahn waren zwar schon seit 2003 bekannt, aber so energisch wurden sie bisher nicht charakterisiert: Die Aussagen auf dieser ESA-Seite zur Bahn vor 1959 sind wohl übertrieben exakt. Auch ein neues Fan-3D-Modell und Artikel hier und hier. [16:45 MEZ]


8. Dezember

proba1

Künstliche SoFi mittels zwei Satelliten wird Wirklichkeit

Über das kleine aber feine ESA-Projekt wurde hier schon vor über 5 Jahren zum ersten Mal berichtet und auch im Jahr darauf („Zwei-Satelliten-Koronograph funktioniert … im Labor“) – und nun wird das Satelliten-Paar Proba 3 tatsächlich realisiert! In ca. 4 Jahren werden zwei Satelliten gestartet, die in 150 m Abstand voneinander Millimeter-genau positioniert werden, etwa so wie in der Grafik: Der eine wirft dabei einen Schatten so auf den anderen, dass ein Teleskop darauf eine perfekte und permamente totale Sonnenfinsternis erlebt, viel besser als es die Koronographen auf SOHO vermögen. Dabei steht die Sonnenforschung aber gar nicht im Zentrum: Vielmehr sollen Erfahrungen mit präzisem Formationsflug zweier Satelliten gesammelt werden, die später bei noch komplexeren Missionen zum Einsatz kommen könnten.

proba3

Diese Rakete soll morgen zur Sonnenforschung starten: an Bord – zum zweiten Mal und verbessert – der Focusing Optics X-ray Solar Imager (FOXSI), der während des 15-Minuten-Fluges die Sonne im harten Röntgenlicht abbilden soll.

proba2

Und eine große Protuberanz verließ heute die Sonne, hier gesehen vom AIA-Instrument auf dem SDO bei 30 nm Wellenlänge – auch ein M-Flare am 4. Dezember. [23:55 MEZ]

2 Antworten to “Allgemeines Live-Blog vom 8.-10. Dezember 2014”

  1. J19 Says:

    „[A]ngemessene Rolle“!? — Unangemessen viel Geld für die Selbstdarstellung einiger weniger! Schrecklich mit anzusehen, wenn man bedenkt, was man in der europäischen Raumfahrt alles erreichen (durchaus auch wörtlich gemeint) hätte können, wenn Deutschland nicht seit vierzig Jahren bereitwillig in jede „Falle“ der USA getappt wäre.

  2. Allgemeines Live-Blog ab dem 12. Dez. 2014 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] am 9. Dezember mit der NavCam aufgenommen – auch die Philae-Landung als Inspiration, zur viel diskutierten Messung ROSINAs (“Das Deuterium-zu-Wasserstoff-Verhältnis von Komet C-G …”) und der Rückkehr […]

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