Einsteins Spuren: jetzt auch in Kiel dokumentiert

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Den Saal gibt es schon lange nicht mehr, wohl aber das Gebäude, das Kieler Gewerkschaftshaus in der Legienstraße 22: Hier hat heute vor genau 95 Jahren Albert Einstein vor – zeitgenössischen Quellen zufolge – über 1000 Zuhörern einen allgemeinverständlichen Vortrag über „Raum und Zeit im Lichte der Relativitätstheorie“ gehalten. Ein Jahr nach der viel beachteten Bestätigung einer zentralen Voraussage der 1915 vollendeten Allgemeinen Relativitätstheorie bei der SoFi von 1919 war Einstein ein auch in Deutschland gefeierter Wissenschaftler – der gleichzeitig wegen seiner jüdischen Herkunft und pazifistischen Haltung auch zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt war. Auch die Angriffe feindseliger ‚Kollegen‘ nahmen just 1920 erheblich zu, während die Kieler (sozialdemokratische) Presse vor „Raudau-Antisemiten“ warnte. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass Einsteins Vortrag nicht etwa an der traditionsreichen Christian-Albrechts-Universität Kiels stattfand, die heuer ihr 350-jähriges Bestehen feiert, sondern bei den Gewerkschaftern. Bei der Enthüllung der Gedenktafel durch die CAU-Vizepräsidentin K. Schwarz, den Kieler OB U. Kämpfer und den Geschäftsführer der DGB-Region KERN F. Hornschu wurde dies – wie von Kämpfer auch schon bei der Eröffnung einer Astronomen-Tagung am Morgen – als großer Schandfleck in der Geschichte der CAU gewertet und Mahnung, nie wieder Menschen wegen ihrer Religion oder Meinung auszugrenzen.

Die genauen Umstände von Einsteins Kieler Auftritt bleiben allerdings unklar: Die einzige Quelle für die Ereignisse vor 95 Jahren, die Hornschu bereits vor zwei Jahren die Anbringung der Tafel motivierte, ist letztlich ein Satz in dem Kapitel „Einstein als Politikum“ des Buches „Einstein, Anschütz und der Kieler Kreiselkompass“ (Schriften der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Nr. 16, hrsg. von Lohmeier 1992) auf den Seiten 71-72, aus dem auch obige Aussagen zitiert sind. Daraus geht allerdings nicht zwingend hervor, dass die Universität Einstein explizit auslud, auch wenn antisemitische Tendenzen dort bereits 1920 anderweitig dokumentiert sind, wie am Rande der Enthüllung zu erfahren war. (Und Einsteins lautstärkster Gegner in der Physik, Philipp Lenard, war peinlicherweise ein Kieler Alumnus.) So oder so werfen die damaligen Vorgänge ein grelles Licht auf den Geisteszustand Deutschlands vor 95 Jahren – mit gewissen Parallelen zur Gegenwart, mag man hinzufügen – und zugleich die Rezeptionsgeschichte Einsteins in den ersten Jahren nach der Veröffentlichung der ART. Und der Frust der Kieler ist spürbar: 1922 dachte Einstein o.g. Buch zufolge nämlich über eine Umsiedlung von Berlin nach Kiel nach, wohnte dort zeitweise und hatte sogar schon eine permanente Wohnung in Aussicht – aber wohl u.a. durch die Umstände des 1920-er Auftritts unsicher geworden, ob er in der Ostseestadt willkommen war, entschied er sich dagegen. NACHTRAG: Artikel hier, hier und zuvor hier. NACHTRAG 2: Mehr zu Einstein und Kiel (er wohnte bis 1926 immer wieder mal dort) – und wie Recherchen von R. Bülow ergeben waren, war der 1920-er Vortrag Teil der 1. Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft und wurde von Einstein in einem Brief vom Vortag erwähnt, ohne Hinweise auf irgendwelche Probleme.

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3 Antworten to “Einsteins Spuren: jetzt auch in Kiel dokumentiert”

  1. AG-Tagung in Kiel – zweiter Tag | Daniels Dies & Das Says:

    […] den Kieler OB, der auch auf das Einstein-Event von DGB und CAU heute Nachmittag verweist (an dem ich dann auch teilgenommen habe): “Unsere eigenen Dummheit und Ignoranz” hat dazu geführt, dass Einstein damals […]

  2. Wolfgang Dzieran Says:

    Hallo Daniel, vielen Dank, das Du diese „Geschichte“ hier darstellst. Als ehemaligen Kieler, als Gewerkschafter, als ehemaliger Student und Angestellter der CAU, als Physiker, ach – einfach auch wegen der in der Tat zur heutigen Zeit immer noch gültigen Parallelen – freue ich mich über dieses Stück Erinnerungskultur. Ja, damals hat die Arbeiterbewegung auf vielerlei Wegen versucht, Bildung ins Volk zu bekommen. Und das Einstein damals den Saal rockte, kann ich mir wirklich gut vorstellen. Ob heute die „Citizen Science“-Bewegung auch so viele Leute erreiche würde?

  3. Wolfgang Dzieran Says:

    Da fällt mir noch eine Geschichte aus den 70er Jahren ein, als ich an der CAU noch Physikstudent war. Professor Erich Bagge (mit Heisenberg und anderen bei den Amis interniert), Atomphysiker, der uns jungen Studenten damals sowieso sehr suspekt war, unserer Meinung nach hätte er gerne eine deutsche Atombombe gehabt, liess doch tatsächlich einen (ausländischen) Doktoranden einen Vortrag halten, der die Periheldrehung des Merkur auch ohne Einstein Relativitätstheorie erklären sollte.
    Schnell stellte sich jedoch heraus, da wurden nur Rundungsfehler durch den Computer aufaddiert. (Okay, zur Entschuldigung kann gesagt werden, damals waren Computer (ich erinnere mich an die pdp-11 von digital) wirklich noch recht neu!). Aber die Geschichte zeigt, selbst vor nur 40 Jahren gab es an der CAU in der Physik durchaus noch „Einstein-Skeptiker“.

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