Notizen zu der 229. Tagung der AAS in Texas

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Vom 3. bis 7. Januar findet im texanischen Grapevine das 229th Meeting of the American Astronomical Society statt, eine der größten regelmäßigen Astro-Tagungen überhaupt. Hier gibt es – nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge aber bis auf Nachträge von oben nach unten fortgeschrieben über die nächsten Tage – anhand der zahlreichen Pressekonferenzen (die mit Zeitverzögerung hier gesehen werden können) und anderer online verfügbar gemachter Happen allerlei schnelle Facetten zu der Tagung, die bereits mit der ersten Verortung eines FRB („Fast Radio Burst in sehr ferner Zwerggalaxie lokalisiert“) auf der 1. PK gestern für Aufsehen sorgte. Wie üblich basieren viele der anderen PK-Präsentationen auf Papers, die entweder schon (manchmal lange) erschienen sind oder zumindest als Preprints präsent waren. Etwa heute in der 3. PK zur Physik des Verschmelzens der Galaxienhaufen Abell 3411–3412, das das obige Komposit zeigt (Hintergrund sichtbare, rosa Radio-, blau Röntgenstrahlung): Es zeigt sich, dass „fossile“ relativistische Elektronen aus den Aktiven Galaktischen Kernen vom Kollisions-Schock nachbeschleunigt werden.

75 Methoden zur Entfernungsbestimmung von Galaxien

ohne Zuhilfenahme von deren Rotverschiebung sind den ‚Verwaltern‘ der NASA/IPAC Extragalactic Database inzwischen untergekommen, woraus sie nun den Schluss ziehen, dass man davon auch Gebrauch machen sollte. Wie heute auf der 3. PK berichtet wurde, liegen inzwischen 166’000 Rotverschiebungs-unabhängige Entfernungs-Schätzungen für 77’000 Galaxien vor: eine explosive Zunahme gerade in letzter Zeit. Für Messier 106 – an keiner Galaxie haben sich so viele Astronomen abgearbeitet – kommt 7.5±0.7 Mpc heraus, wenn man die NED-Angaben mittelt.

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Ein 81 Tage lang belichtetes Röntgenbild des Himmels

ist das Chandra Deep Field South, das der gleichnamige Röntgensatellit letztens aufgenommen hat, über 7 Mio. Sekunden lang: die tiefste Röntgenaufnahme des Himmels überhaupt, auf dem 70% der Quellen Aktive Galaktische Kerne sind. Und auch das reichte noch nicht: trickreich wurden Bildteile gestackt, mit einer im Prinzip Amateurastronomen bekannten Technik, um auch extrem schwaches Röntgenglühen ferner Galaxien nachweisen zu können, das vom Betragen Supermassereicher Schwarzer Löcher in der Vergangenheit zeugt. Ebenfalls notierenswert von der Tagung bisher: eine 66-Seiten-Präsentation zum LSST und aktive Überlegungen zur Beobachtungs-Strategie mit dem Super-Himmelssauger, ein fescher Spruch, drei Folien hier, hier und hier aus einem Plenarvortrag zum Urknall, ein Bericht über einen Vortrag zum Galaktischen Zentrum, eine interessante Initiative zur Geschichtsschreibung per Oral History auch von jungen Astronomen – und die Aufzeichnung einer Session zu ‚Geoengineering mit leider miesem Sound.

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SDSS: mehr lebensnotwendige Elemente in innerer Galaxis

Was das bedeutet, weiß niemand, wurde auf der 4. PK betont, aber die APOGEE-Survey der Sloan Digital Sky Survey hat klar heraus gefunden, dass die für das Leben – wie wir es kennen – entscheidenden chemischen Elemente in der inneren Galaxis allesamt (Grafik oben) häufiger als in der Umgebung der Sonne sind: Dort war die Sternbildung effizienter, und entsprechend mehr „Metalle“ blieben übrig. Aus den unterschiedlichen Elementen-Mustern in der Milchstraße folgt auch, dass felsige Planeten ganz unterschiedlich zusammengesetzt sein sollten. Die SDSS ist in ihrer Stufe IV derzeit rein spektral tätig – mit APOGEE-2, eBOSS und MaNGA – und macht keine Pretty Pictures. Ein Klon des APOGEE-Instruments ist gerade auf dem Weg zur chilenischen Sternwarte Las Campanas, wo es am du Pont Telescope den Teil der inneren Milchstraße erfassen soll, der der SDSS-Sternwarte in New Mexico entgeht (Grafik unten). An der SDSS arbeiten über 500 Wissenschaftler in aller Welt, wobei der Anteil von Minderheiten aber größer sein könnte.

Zwei Pulsare, die oft bzw. fast immer „ausgeschaltet“ sind

mit „An“-Zeiten von 30% und 0.8% der Zeit (wobei es bei letzterem aber mit einem Mal 16% waren), sind mit den Arecibo-Radioteleskop entdeckt worden: Das deutet auf eine größere Pulsar-Population als vermutet hin. Andere Erfolge von Arecibo (das mal wieder bedroht ist), die auf der 2. PK erwähnt wurden, waren die Entdeckung einer neuen Art ‚Vordergrund‘ in der Milchstraße aus ‚kalten‘ Elektronen im ISM, die die Hintergrundstrahlung vom Urknall überlagern, eine weitere Bestätigung der Konstanz von Alpha, der Feinstrukturkonstanten, und Beobachtungen des Quasars 3C273 mit RadioAstron und seiner enormen Strahlungstemperatur. Auch viele Tweets von einer Session zum Regierungswechsel, von einem Plenar-Talk von Wendy Freedman über die ‚tension‘ bei der Hubble-Konstanten abfotografierte Slides hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier – und es gibt auch Teleskope für die Kleinen auf der Tagung …

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2022±1 Jahr wird ein neuer Stern im Schwan erscheinen

und mit bloßem Auge sichtbar sein: Diese Vorhersage einer Roten Nova, die ein Astronomen bereits 2015 auf einer AAS-Tagung gemacht und letztes Jahr nochmals bekräftigt hatte, ist nun weiter präzisiert worden, wie jetzt auf der 5. PK berichtet wird. In einem von Kepler entdeckten Doppelstern spiralieren die beiden Sterne aufeinander zu, genau wie 2015 berechnet – und wenn sie fusionieren, sollte das System um einen Faktor 10’000 heller werden – und im Sternbild Cygnus ein neuer Stern erscheinen, den jeder sehen kann.

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Sreenshots von der Pressekonferenz: Der Perioden-Verfall des Systems folgt genau der Prognose von vor zwei Jahren – und damit ist es sehr wahrscheinlich, dass in fünf Hahren einige Monate lang ein Stern 2. Größe im Schwan erscheinen wird: Mal eine astrophysikalische Prognose, die jeder mit eigenen Augen überprüfen kann. Ein Press Release zu den neuen Erkenntnissen und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, von diesem Blogger hier und hier. In derselben PK ging es auch um einen Pulsar, der zum Magnetar zu werden scheint, Hubble-Spektren des ISM in Richtung der Reise der Voyager-Sonden und die besten Maßnahmen gegen Lichtverschmutzung (ein paar Slides) – plus ein Bericht über den 2. Konferenz-Tag und ein 10-Minuten-Video u.a. mit Highlights.

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Ein Schatten wandert über die Staubscheibe von TW Hydrae

Das zeigen Aufnahmen mit dem Hubble-Instrument STIS: Er dreht sich alle 16.9 Jahre einmal ganz herum, was eine physische Scheibenrotation ausschließt, und hat eher etwas mit einer präzidierenden Innen-Scheibe zu tun. Weitere Themen der 7. PK waren Bestimmungen der Masse der Milchstraße durch die Bahnen von 143 Kugelsternhaufen, wobei rund 620 Mrd. Sonnenmassen innerhalb von 200 kpc mit einer Unsicherheit von 480 bis 780 Mrd. heraus kommen, NuSTAR-Beobachtungen an IC 3639 und NGC 1448, die hinter Staub verborgene Supermassive Schwarze Löcher aufspürten, und Emission von O++ von jungen Galaxien als markant aus dem Rahmen fallende ‚grüne‘ Strahlung (die auffällt, wenn man die Spektren von 5161 Galaxien addiert). Auch der auf der Tagung ergangene Aufruf zu Beobachtungen mit dem JWST – und ein Bericht zum 3. Konferenz-Tag.

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Ein Bild von HR 8799 und seinen vier Planeten mit dem neuen Instrument SCEXAO am Subaru-Teleskop – das sich in den nächsten Jahren an die Abbildung von Exo-Erden heranpirschen soll. Ebenfalls von der 6. PK Simualtionen von Sternen am Galaktischen Zentrum, die von Gezeitenkräften zerrissen werden, wobei sich in den Trümmern Klumpen bilden können, von denen auch welche in Erdnähe angekommen sein könnten (mit dem nächsten ca. 200 Parsec entfernt; mehr und mehr), Simulationen nach denen der hypothetische Planet Neun ein eingefangener Freier Planet sein könnte und Beobachtungen der Hubble-Spektrographen von Gaswolken bei HD 172555, die etwas an die in Beta Pictoris stürzenden Kometen erinnern. Und in der 8. und letzten PK ging es um die ToSoFi 2017 in den USA, die von AAS wie NASA auch als erhebliches logistisches Problem gesehen wird: 324 Leute oder 99% der Bevölkerung wohnen höchstens 900 Meilen vom Totalitätsstreifen entfernt. Dessen Bevölkerungsdichte sich vielerorten verdoppeln und streckenweise sogar vervierfachen würde, so Projektionen der AAS Solar Eclipse Task Force. Auch ein Bericht vom vierten Tag, Bilder von der Tagung, von Aktivitäten der SDSS und noch mehr, die diversen Preisträger und der Auftritt von Jung-Astronomen – also richtig jungen.

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