Ist das Starlink-Problem schon bald Geschichte?

Am 17. Mai um 9:53 MESZ sollen wieder 60 Starlinks auf die Reise geschickt werden – die nächste Lichterkette am Himmel also wie in den Videos oben nach diversen früheren Starts? Das schon, erst einmal – aber etwas ist vor dem achten Start anders: Ende April hat SpaceX kurz nach dem siebten einen detaillierten Plan zur Verdunklung der Satelliten in absehbarer Zukunft vorgelegt, der zuvor am 27. April vor US-Astronomie-Funktionären präsentiert worden war – die langwierigen Verhandlungen der vergangenen Monate, von denen nur wenig bekannt geworden war, scheinen Früchte zu tragen.

Zwei Aspekte der Starlink-Satelliten werden modifiziert: Die Orientierung zur Sonne während des Aufstiegs in den operationellen Orbit wird so verändert, dass die berühmt-berüchtigten Starlink-Ketten dunkler werden – und im finalen Orbit, wo die Satelliten den Großteil ihrer Lebenszeit verbringen, sollen radiodurchlässige Sonnenschirme („Visoren“) die hellen Antennen abschatten, so dass die Satelliten für’s bloße Auge komplett unsichtbar werden (das Ziel ist 7. Größe oder besser) und professionelle Teleskope, namentlich das besonders gefährdete Vera Rubin Observatory, nur noch in erträglicher Weise stören.

Während des Aufstiegs und in Parkbahnen während dieser Missionsphase sorgen bislang die großen Solarzellen – die waagerecht orientiert werden – für die zum Teil enorme Helligkeit der Satelliten, die so hell wie die hellsten Sterne am Himmel werden können und quasi eigene Sternbilder in Bewegung bilden (das war just im April über Deutschland krass zu sehen) und mithinter auch noch Flares bis zu negativen Größenklassen erzeugen. Im operationllen Orbit zeigen die Solarzellen dagegen nach oben wie eine Hai-Flosse, und die Antennen auf der erdgzugewandten Seite dominieren die Helligkeit. Ein erster Versuch der Starlink-Verdunklung durch eine spezielle Beschichtung dieser Antennen (Grafik unten) hat zwar einen gewissen Effekt erzielt, aber der reichte bei weitem nicht, und dieser Ansatz wird nicht mehr weiter verfolgt.

Die nun angekündigten Maßnahmen sehen zum eine seitliche Orientierung der Solarzellen zur Sonne während des Aufstiegs vor – soweit die nötige Energieversorgung und Kontrolle des Satelliten gewährleistet bleibt: Gelegentlich kann ein Satellit doch noch hell werden. Und im Betrieb werden die Antennen einfach abgeschattet und die Solarzellen so geneigt, dass sich möglichst hinter dem Satelliten selbst verstecken. Wird das alles diesmal funktionieren? Mit der Orientierungs-Änderung im Aufstieg wird bereits jetzt experimentiert (manchmal sind Starlinks dunkler als erwartet am Himmel) – und der Sonnenschirm wird beim kommenden Start bei einem der Satelliten ausprobiert: Ob dieser Satellit damit selbst an dunklen Orten für’s unbewaffnete Auge unsichtbar wird, kann freilich erst nach mehreren Monaten beurteilt werden. Und wie weit dadurch insbesondere die künftige Gefährdung des VRO hinreichend reduziert werden kann. Bereits ab dem 9. Start im Juni sollen jedenfalls alle Satelliten mit dem Visor ausgestattet sein, die über 400 bereits gestarteten unbeschatteten sollten in den kommenden Jahren wieder aus dem Orbit entfernt und die folgende Generation generell auf Dunkelheit hin entwickelt werden.

Langfristig will SpaceX, wie ein Antrag bei der FCC vom 17. April zeigt, die Satelliten-‚Schale‘ in 1200 km Höhe aufgeben und sich ganz auf die aktuellen 550 km konzentrieren: Das wäre ein weiterer Beitrag zur Reduzierung der Probleme, da die Satelliten in größerer Höhe noch seltener in den Erdschatten geraten wären. Zumindest in Sachen Lichtverschmutzung im Optischen könnte sich das Bild nun also wirklich wandeln, die anderen möglichen Gefahren (Kollisionen der Starlinks untereinander und mit anderen Satelliten und die Störung von Radioastronomie) sind andere Baustellen. Jedenfalls sind die Handvoll detaillierten Papers zu den Folgen der Starlinks für die optische Astronomie wie „The Low Earth Orbit Satellite Population and Impacts of the SpaceX Starlink Constellation“ [alt.], „Impact of satellite constellations on astronomical observations with ESO telescopes in the visible and infrared domains“ [alt.], „First observations and magnitude measurement of Starlink’s Darksat“, „Impact on Optical Astronomy of LEO Satellite Constellations“ und „A Flat-Panel Brightness Model for the Starlink Satellites“, die ohnehin nur vage Aussagen liefern konnten, bald weitgehend überholt – und natürlich muss mit den neuen Erkenntnissen dann neu modelliert werden, als fundierte Basis künftigen Argumentierens und Handelns auf SpaceX- wie Astronomen-Seite.

Es gibt noch weitere Simulationen der ESO, eine Info-Seite der IAU, ein Doppel-Interview des DLR, einen ESO Release, Statements des LSST und des NAOJ, die Bahnhöhe aller Satelliten gegen die Zeit (und diverse Orbit-Manöver hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier diskutiert) und Radio-Beobachtungen. Außerdem weitere Videos hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, teleskopische Bilder von Satelliten hier und hier, eine frische Kette, Strichspur-Aufnahmen (geplant oder ungeplant) hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, Artikel von heute und vom 9. Mai, 8. Mai, 7. Mai, 6. Mai, 5. Mai, 4. Mai, 1. Mai, 30. April, 28. April (mehr und mehr), 27. April (mehr), 24. April, 23. April (mehr und mehr und mehr), 21. April (mehr, mehr, mehr, mehr und mehr), 20. April (unten; mehr, mehr, mehr und mehr), 19. April (von der ISS aus gesehen; mehr), 18. April, 13. April, 10. April, 7. April, 30. März, 29. März, 25. März (Messung des DarkSat am Himmel), 24. März, 20. März (mehr), 19. März, 18. März (mehr und mehr), 17. März (mehr), 14. März, 13. März (mehr), 12. März (mehr und mehr), 11. März, 10. März, 9. März (mehr, mehr, mehr und mehr), 6. März, 5. März, 4. März, 2. März, 29. Februar, 28. Februar (mehr) und 25. Februar, einen kleinen Video-Beitrag und ein Scherzchen aus Astrofotografen-Sicht.

Eine topografische Karte der tektonischen Tempe Fossae auf dem Mars aus Daten des unverwüstlichen Mars Express – auch langsame Fortschritte mit dem InSight-Maulwurf, wie die zwei Jahre Startverschiebung des ExoMars-Landers genutzt werden, wie lange die Venus bewohnbar war, eine neue Nahaufnahme von Bennu, ein virtueller Flug über Ryugu, ein Blick auf die ferne Erde von BepiColombo, neue Hinweise auf Wasser-Fontänen von Europa in alten Daten des Orbiters Galileo, wie man Saturns Ringe als Seismometer nutzen kann, und Papers hier und hier zur Entstehung von Arrokoth. Sowie die Idee eines Laser-betriebenen Rovers für schattige Krater auf dem Mond – und ein Upgrade der 70-m-Schüssel des DSN in Australien.

Der Start der ersten beiden Xingyun-2-Satelliten am 12. Mai: weitere Artikel hier, hier und hier. Und nach der chinesischen Test-Raumkapsel ist nach schnellem Abstieg (und nach finalen Prognosen einem Tiefflug über den USA) auch die große Raketen-Oberstufe zurück und über dem Atlantik vor Westafrika in die Atmosphäre eingetreten – aber es scheint im weiteren Verlauf der Bahn etwas in der Elfenbeinküste gelandet zu sein, das z.B. Bilder hier, hier und zuletzt hier [NACHTRÄGE: wobei – siehe hier und hier – die neue Meldung wohl falsch ist] zeigen: Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

Erforschung der Erde im COVID-Lockdown durch die ESA – auch die NASA finanziert mehrere Projekte, während die europäische Raumfahrt „mit hellblauem Auge“ davon gekommen sein soll- Derweil werden die Daten von Aeolus nun rapide publik gemacht, das Hyper-Angular Rainbow Polarimeter, ein NASA-CubeSat, hat sein erstes Bild von Aerosolen und Wolken geliefert – – und der japanische Satellit, der künstliche Meteore erzeigen sollte, ist offenbar kaputt: auch ein früherer und noch früherer Status-Bericht und Artikel hier und hier.

Das Aussetzen des jüngsten Cygnus von der ISS (mit einer alten Erd-Kamera an Bord): auch ein bisschen Wissenschaft, die Vorbereitungen von „Demo 2“ (mehr und mehr) – und der Kauf eines weiteren Sitzes in einer Soyuz.

Ein halbstündiger – und formelreicher! – Vortrag über die Herausforderung interstellarer Raumfahrt im Auftrag des Planetariums Bochum, von dem es auch die Nummer 15 der Streifzüge (zu Venus und Merkur im Mai) gibt. Und es gingen online die Nummer 14 von Space Store live (The past, present and future of Mars Exploration), die Nummer 9 von Space Rocks Uplink (mit ESA-Wissenschafts-Chef Günther Hasinger, dessen kurioser Karriere-Start ab 40:00 erzählt wird), die Nummer 8 von Meet an Astronomer (Salts Across the Solar System), die Nummer 7 von EZscience, die Nummer 6 der Sternstunden aus Berlin, die Nummer 4 der Carnegie Science Digital Conversation – während es Premieren aus München (Amateure und die Venus), Hof (wo auch ältere Vorträge erscheinen) und Wolfsburg gab und aktuelle Astro-Tipps aus Sonneberg kommen.

4 Antworten to “Ist das Starlink-Problem schon bald Geschichte?”

  1. Allgemeines Live-Blog ab dem 2. Juni 2020 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] wenn es das Wetter zulässt (die Chancen liegen bei 60%) – darunter auch einer mit dem letztens im Detail beschriebenen Visor zur Verdunklung. Inzwischen ist bekannt geworden, dass insgesamt noch etwa 80 Satelliten ohne Visor […]

  2. Allgemeines Live-Blog ab dem 30. Juni 2020 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] 48’000 Satelliten würde die Astronomie weit stärker bedrohen als Starlink, wo man energisch an Gegenmaßnahmen arbeitet (wofür auf der Tagung große Anerkennung gezollt wurde). Die Grafik von Olivier Hainaut von der […]

  3. Allgemeines Live-Blog ab dem 9. August 2020 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] hier, hier, hier, hier und hier. Zum Komplex Mega-Konstellationen – bereits ausgiebig im Mai, Juni und Juli gibt es allgemein und speziell in Sachen Starlink das schnelle Ende von Satellit […]

  4. Megakonstellationen vs. Astronomie: viele Fragen | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] diesem (Früh-)Jahr wird die Problematik allmählich systematisch verstanden, wie in Artikeln vom Mai, Juni, Juli und August anhand von Dokumenten und zwei großen Tagungen bereits ausführlich […]

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